Zwei Stromtrooper-Lego-Figuren halten Händchen vor einem Sonnenuntergang

Von Lustgrotten, Lachsen und Liebesschwüren

Warum sind Sexszenen eigentlich so verdammt schwer zu schreiben? Der Versuch einer Analyse

Ich beginne diesen erbaulichen Text mit einem Geständnis: Ich hasse Sexszenen. Ich hasse sie wirklich. Von allen Szenen, die ein fiktionaler Text beinhalten kann, sind sie die, die mir am meisten Arbeit und Mühe bereiten. Denn: Gute Sexszenen zu schreiben ist verdammt harte Arbeit (höhö, sie hat „hart“ gesagt). Woran das liegt und wie man diese Aufgabe trotzdem meistern kann, möchte ich euch in diesem Beitrag näher bringen.

Vorab sei gesagt, dass ich sicher alles andere als eine Expertin auf diesem Gebiet bin, aber gerade deswegen möchte ich meine Erfahrung ein wenig mit euch teilen. Vielleicht können wir dann alle noch etwas lernen.

Sex ist harte Arbeit

Beginnen wir mit einer Problemanalyse: Was macht Sexszenen so verdammt schwierig zu schreiben? Ich denke, es gibt eine ganze Reihe von Gründen dafür.

Zum einen ist Sex, genau wie Humor, eine ausgesprochen individuelle Angelegenheit. Was Leser*innen als erotisch oder ansprechend empfinden (bzw. ob sie überhaupt solche Empfinden haben), variiert enorm. Trotzdem sollten die Emotionen der Protagonist*innen aber möglichst direkt bei der Leserschaft ankommen.

Zum anderen erfordern Sexszenen – genau wie Kampfszenen, übrigens – eine möglichst stimmige Verquickung von äußerer Handlung und Innenleben. Repetitive Sexszenen werden schnell langweilig, es kommt also auf Abwechslung, Dynamik und, vor allem, Emotion an. Darüber hinaus sollten auch Sexszenen niemals „out of character“ passieren. Das heißt, was im Bett (oder wo auch immer) passiert, sollte die Persönlichkeit der Figur und ihre Eigenheiten stimmig widerspiegeln.

Zuletzt ist auch das Vokabular ein relevantes Problem. Jede*r kennt sicher Stilblüten von mehr oder weniger misslungenen Sexszenen, in denen Lanzen in Lustgrotten versenkt oder Rosenblätter der Lust erblühen (für mehr solcher Beispiele empfehle ich den Twitteraccount von Germanerotika oder Judith Vogts Artikel auf Fischer-Tor zu schlechtem Sex in der Fantasy und Science Fiction). Wer auf die Idee gekommen ist, solche Metaphern seien irgendwas außer zum Schreien komisch, erschließt sich mir bis heute nicht. Gleichzeitig muss ich aber auch gestehen, dass allzu sterile oder, umgekehrt, vulgäre Bezeichnungen für Geschlechtsteile nicht jedermanns (oder –fraus 😉 ) Sache sind. Vom Pronomen-Chaos bei gleichgeschlechtlichen Sexszenen will ich gar nicht erst reden. Die Wahl des richtigen Tonfalls und der richtigen Dosis Erotik ist folglich ein anspruchsvolles Unterfangen, das Fingerspitzengefühl erfordert.

„Und dann liebten sie sich bis zum Morgengrauen“

Eine Frage, die in dem Zusammenhang sicherlich schnell aufkommt, ist: Warum schreibt man überhaupt Sexszenen in (Fantasy-)Büchern? Kann man die nicht einfach weglassen und elegant ausblenden, wenn es zur Sache geht? Die Antwort ist ein klares jein.

Wie bei den meisten Szenen steht auch bei Sex die Frage im Vordergrund, welchen Mehrwert die Szene den Leser*innen bieten soll und welche Funktion sie im Gesamtgefüge der Geschichte hat. Deswegen darf man sich als Autor*in durchaus die Frage stellen: Brauche ich diese Szene? Ist sie wichtig? Hat sie eine Funktion/eine Aufgabe, oder existiert sie nur, weil die Figuren an dieser Stelle nun mal miteinander schlafen?

Ist letzteres der Fall, spricht nichts dagegen, den Vorhang des Schweigens über die Details zu breiten und direkt zum nächsten Morgen oder zu etwas charmantem Bettgeflüster zu springen. Das gilt insbesondere dann, wenn Genre und Zielgruppe des Romans nicht notwendigerweise für explizite Erotik sprechen (z.B. in Jugendbüchern oder All-Age-Romanen). Nichts Genaues zu wissen, kann auch anregend sein oder Spannung erzeugen, schließlich ist unser Kopfkino häufig kreativer als das, was aufs Papier gebannt wird. Außerdem ist es für Leser*innen, die gar kein Interesse an Sex haben oder diese Szenen sogar als unangenehm empfinden, wesentlich entspannender, damit nicht konfrontiert zu werden.

Coitus interruptus?

Sexszenen nicht auszuschreiben, ist also in vielen Fällen eine legitime Option. Trotzdem sollte man sich als Autor*in der dramaturgischen Wirkung bewusst sein. Wenn über längere Zeit hinweg konsequent Spannung aufgebaut und dann am interessantesten Punkt abrupt abgeblendet wird, kann das für Irritation sorgen, denn in vielen Genrekonventionen wird das „erste Mal“ nach wie vor als Höhepunkt der Beziehungsentwicklung verstanden.

Ich muss gestehen, ich finde es als solchen eher überschätzt. Für den Großteil der Menschen mag Sex einen relevanten Teil des Beziehungsgeschehens darstellen, so zeigt z.B. eine Umfrage von Innofact von 2018, dass ca. 80 % der Befragten Sex in einer Beziehung wichtig oder sehr wichtig finden. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Etwa jeder fünften Person ist Sex egal, gar nicht so wichtig oder sogar eher unangenehm.

Es ergibt also durchaus Sinn, sich als Autor*in zu fragen, welchen Stellenwert die handelnden Figuren Sex oder Körperlichkeit zusprechen und die Struktur der Beziehungsentwicklung darauf anzupassen. Folgende Fragen können dabei helfen:

  • Sind die beteiligiten Figuren allosexuell[1] oder asexuell?
  • Wie intensiv ist ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe oder Sexualität ausgeprägt?
  • Gehören Romantik und Sexualität für sie zusammen?
  • Ist Sex für sie etwas Besonderes oder vielmehr etwas Alltägliches?
  • Betrachten sie das erste Mal tatsächlich als „Meilenstein“ ihrer Beziehung oder ist es einfach nur ein logischer nächster Schritt, sobald man sich näher kommt?

Beispiele:

In „Der letzte Winter der ersten Stadt“ von Rafaela Creydt kommen sich der Fafa Krai und die Gardistin Neschka näher und beginnen eine Beziehung miteinander. Interessant ist dabei nicht die Frage, wann sie unter welchen Umständen wo im Bett landen (beide sind über dreißig, erfahren und sich ihrer Wünsche und Bedürfnisse vollumfänglich bewusst), sondern wie (bzw. ob) sie sich mit den divergierenden Ansichten und Glaubensvorstellungen des jeweils anderen arrangieren. Von daher stört es nicht, dass es keine expliziten Sexszenen zwischen den beiden gibt, im Gegenteil, es stützt sogar die Erzählstruktur.

Rafaela Creydt: Der letzte Winter der ersten Stadt (2018), Verlag In Farbe und Bunt

In „Zerrissene Erde“ schildert N.K. Jemisin knapp, aber doch explizit das Sexualleben der Protagonisten, die sich zu dritt (zwei Männer, eine Frau) in einer etwas komplizierten polyamoren Beziehung befinden. Für die Ich-Erzählerin Syen ist gerade der körperliche Teil dieser Beziehung ein großer Schritt in ihrer Charakterentwicklung, denn bislang hat sie Sexualität nie als etwas Positives oder Erstrebenswertes erlebt. Die Details der gemeinsamen Liebesnächte haben in diesem Fall also definitiv Mehrwert für die Geschichte und die Protagonistin und leisten zudem einen großen Beitrag zur Repräsentation von Polyamorie und bisexuellen bzw. homosexuellen Partnerschaften.

Nora K. Jemisin: Zerrissene Erde (2018), Verlag Drömer-Knaur

Die Vision vom perfekten Sex

Aus den bisherigen Überlegungen geht also klar hervor, dass Sex sehr viele Funktionen innerhalb einer Geschichte erfüllen kann. Das Ziel, Leser*innen in erotische Stimmung zu versetzen, ist dabei nur eines von vielen möglichen Szenarien – und in meinen Augen bei Weitem nicht das Wichtigste.

Gerade da liegt nämlich der Clou: Sex – selbst einvernehmlich zwischen gleichberechtigten Partner*innen – muss nicht notwendigerweise erotisch sein. Im Internet (und in einschlägigen Zeitschriften) kursieren Hunderte Geschichten von kuriosen Sexpannen oder -unfällen, und selbst wenn es nicht komplett haarsträubend wird, ist Sex nicht immer 100 % perfekt. Im Gegenteil.

In ihrem Beitrag bei Fischer Tor hat Judith Vogt ein paar sehr schöne Szenen zusammengetragen, die zeigen, dass literarischer Sex auch von Überraschungen, Enttäuschungen oder Zurückweisungen geprägt sein und trotzdem (oder gerade deswegen) als Szene hervorragend funktionieren kann.

Der absolut perfekte, 100 % erfüllende Sex mit multiplen Orgasmen, explodierenden Sternen und allem Drum und Dran entspricht nun einmal nicht der Realität, sondern ist vielmehr eine vielfach replizierte Porno-Fantasie (die meistens noch sehr unrealistisch daherkommt). Sex macht auch dann Spaß, wenn er nicht perfekt ist – und die meisten Leser*innen werden sich in solchen Szenen besser wiederfinden als in einer glitzernd-schillernden Pornowelt. Darüber hinaus lassen kleinere Pleiten, Pech und Pannen die Figuren sympathischer und authentischer wirken.

Was Sex über Figuren aussagt

Gute Sexszenen sollten also eine Funktion innerhalb des Gesamtgefüges erfüllen, die über „Erotik“ hinausgeht. Diese Funktion kann ausgesprochen vielfältig sein.

Die Art und Weise, wie (oder ob) Figuren miteinander schlafen, wie sie aufeinander eingehen, worüber sie sprechen, wie sie kommunizieren kann eine Menge über ihren Charakter aussagen. Dabei geht es – entgegen mancher Meinung – nicht nur darum, die sexuelle Orientierung oder sexuelle Vorlieben zu präsentieren, sondern um sehr viel mehr, zum Beispiel:

  • Sehnt sich die Figur nach Nähe oder nur nach sexueller Erfüllung?
  • Wie schnell fasst sie Vertrauen?
  • Ist sie eher risikoscheu oder abenteuerlustig?
  • Wie viel gibt sie von sich preis?
  • Wie steht sie zu ihrem Körper?
  • Kommt sie ihren Partner*innen entgegen oder denkt sie vor allem an sich?

Am Ende einer Sexszene sollten die Leser*innen auf jeden Fall ein bisschen mehr Einblick in das Innenleben und die Persönlichkeit der Perspektivträgerin*innen haben.

Beispiel

Aus meinem eigenen Roman, da ich die Szene da am besten einschätzen kann

In „Opfermond“ lässt sich der Protagonist Varek auf einen „Quickie“ mit der Roten Dame ein, einer mächtigen Kurtisane, die ihn mit Informationen versorgt. Varek ahnt zwar, dass ihr Stelldichein rein geschäftlichen Zwecken dient (und erhält am Ende auch die Bestätigung hierfür), sucht aber dennoch erfolglos die emotionale Nähe zur Roten Dame. Letztlich demonstriert die Szene nicht nur Vareks (vergebliches) Suchen nach Emotionalität, sondern illustriert auch seine Position innerhalb der Gesellschaft und den Stellenwert, den Sexualität darin einnimmt.

Elea Brandt: „Opfermond“, 2017, Mantikore Verlag

Wieso, weshalb, warum?

Sexszenen geben aber nicht nur Informationen über die Figuren preis, sondern auch über deren Beziehungsentwicklung. Die Tatsache, dass die Figuren miteinander Sex haben, ist dabei eher von untergeordnetem Interesse. Wenn allein diese Information ausreicht, ist eine explizite Beschreibung vielleicht gar nicht mehr notwendig.

Eine gute Sexszene widmet sich viel mehr der Frage nach dem wie und dem warum. Motive für sexuelle Aktivität gibt es viele, denn – wie eingangs erwähnt – ist Sex  nicht notwendigerweise romantisch oder erotisch und nicht immer sind Lust oder Zuneigung die einzigen Triebfedern sexueller Handlungen.[2] Deswegen lohnt es sich, nachzuforschen, und die Motive der Figuren zu ergründen.

  • Geht es um Zuneigung?
  • Sexuelle Anziehung?
  • Macht?
  • Versöhnung?
  • Rache?
  • Selbstfindung?
  • Verdrängung?
  • Und ist den Figuren das jeweilige Motiv zugänglich oder schwingt es eher unbewusst mit?

In der Regel ist das warum auch immer eng mit dem wie verbunden.

  • Schalten Prota und Love Interest einfach den Verstand aus und fallen hemmungslos übereinander her?
  • Ist es eher ein behutsames Herantasten?
  • Gibt eine*r von beiden den Ton an?
  • Ist es ein schneller Quickie oder eine lange gemeinsame Nacht?
  • Worüber wird gesprochen?
  • Wird überhaupt geredet oder kommt man einfach schnell zur Sache?
  • Gibt es ein Vor-oder ein Nachspiel?
  • Gehen die Akteur*innen auf gegenseitige Bedürfnisse ein?
    usw.

Sex und Beziehungen

Aus all diesen Fragen entstehen letztlich Konsequenzen für die Beziehungsentwicklung, entweder zum Positiven (z.B. indem Vertrauen aufgebaut wird) oder auch zum Negativen (z.B. wenn Erwartungen enttäuscht werden).

Dabei muss allerdings „schlechter Sex“ (im Sinne von den oben erwähnten Pleiten, Pech und Pannen-Geschichten) nicht zwingend bedeuten, dass sich auch die Beziehungsebene verschlechtert – im Gegenteil. Vielleicht empfinden die Beteiligten den kleinen Sexunfall sogar als enorm charmant, sympathisch oder wenigstens als etwas, über das man gemeinsam den Mantel des Schweigens breiten kann. Geheimnisse schweißen ja auch zusammen, wie man weiß. Umgekehrt kann auch „guter Sex“ einen schalen Beigeschmack haben, z.B. wenn der*m Prota klar wird, dass zwischenmenschliche Probleme mit einem schnellen Quickie nicht zu lösen sind.

Gib mir Tiernamen!

Um die genannten Funktionen und Motive glaubwürdig zu transportieren, ist die Passung zwischen Figuren und Sexszene wichtig, gerade in Hinblick auf die Sprache. Benehmen sich die Charaktere eher derb und unflätig, ist es nur naheliegend, dass sie auch im Bett nicht über Lustgrotten, Knospen und erigierte Schwängel nachdenken, sondern das Ding beim Namen nennen. Umgekehrt erwartet man von einem zurückhaltenden Charakter mit hochgestochenem Vokabular nicht notwendigerweise vulgäre Ausbrüche. Sie können aber sehr unterhaltsam sein. 😉 [3]

Besonders diffizil wird es beim Thema „dirty talk“. Schon im realen Leben spalten sich die Geister, ob und in welchem Umfang Tiernamen, Anfeuerungen, schmutzige Geschichten und ähnliches einen Platz bei sexuellen Aktivitäten haben sollten. Bei literarischem Sex ist das nicht anders. Dialoge machen jede Szene dynamischer, gleichzeitig bieten sie aber auch die Gefahr, komisch oder überzogen zu wirken.

Reden hilft

Ich persönlich bin der Ansicht, dass Figuren beim Sex durchaus verbal kommunizieren dürfen, auch über gelegentliche „ohhhs“ und „ahhhhs“ hinaus. Das gilt insbesondere dann, wenn sie zum ersten Mal miteinander intim werden, schließlich weiß man da nie so genau, was der*die Parner*innen eigentlich erwarten oder mögen. Consent funktioniert nur über Kommunikation.

Hier kommt übrigens auch das Thema Verhütung ins Spiel. Viele Fantasy-Settings verzichten ja auf konkrete Verhütungsmethoden, u.a. aus Gründen fehlender anatomischer Kenntnisse oder Technologie. Notwendig ist das aber nicht (hey, es ist Fantasy!). Spätestens bei Science Fiction oder Urban Fantasy ist die Frage nach Verhütungsmethoden aber definitiv sinnvoll, sofern man nicht davon ausgehen kann, dass Geschlechtskrankheiten ausgerottet wurden. Verhütung existiert, und sie muss nicht zwingend unsexy sein, im Gegenteil. Sie bietet sogar interessante Ansätze für Interaktion und Kommunikation.

Recherche ist alles

Zuletzt noch ein wichtiger Hinweis: Auch Sexszenen sind kein recherche-freier Raum. Gerade in Hinblick auf sexuelle Praktiken, Verhütungsmethoden etc. ist es unerlässlich, Informationen einzuholen – gerade dann, wenn die Akteur*innen andere Präferenzen oder Vorlieben haebn als man selbst oder einem anderen Geschlecht angehören.

„50 Shades of Grey“ ist ein gutes Beispiel, was passiert, wenn man diesen Aspekt vernachlässigt: Es entsteht ein völlig falsches und sogar problematisches Bild sexueller Spielarten (in diesem Fall BDSM). Viele sexuelle Praktiken oder Vorlieben sind bis heute in der Gesellschaft stigmatisiert, und es ist nicht hilfreich, wenn Literatur diese Klischees noch weiter befeuert (welche negativen Auswirkungen das haben kann, habe ich in einem früheren Blogbeitrag bereits zusammengetragen).

Deswegen sollten auch Sexszenen ordentlich recherchiert sein und erfordern ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl. Bei Unsicherheiten empfiehlt es sich, in einschlägigen Foren zu suchen – meistens wird man dort fündig – oder Expert*innen zu fragen, sofern man welche kennt.

Gute Sexszenen – wie geht das?

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück, warum Sexszenen oft so anspruchsvoll zu schreiben sind. Ich hoffe, nach der Lektüre dieses Beitrags ist es etwas klarer geworden.

Sexszenen sollten Mehrwert bieten, der über Erotik hinausgeht. Sie können viel über die Persönlichkeit des Charakters, über die Beziehung zu seinen Sexualpartner*innen und sogar über die Hintergründe der Welt und gesellschaftliche Normen und Tabus aussagen.

Ob es notwendig ist, sie explizit auszuformulieren, hängt mitunter davon ab, was sie zu transportieren gedenken und wie viele Details dafür notwendig sind. Auch Zielgruppe und Genre spielen sicherlich eine Rolle. Ein erotischer Liebesroman ohne Sexszenen dürfte bei den Leser*innen Irritation hervorrufen, in Science Fiction oder Fantasy hingegen könnte ein Übermaß an Sex eher stören.

Ferner muss Sex nicht immer perfekt sein, im Gegenteil. Pleiten, Pech und Pannen, eine Prise Humor oder unerwartete Wendungen sorgen für mehr Authentizität und lassen die Akteur*innen sympathischer wirken. Deswegen muss Sex auch nicht immer die Spitze an Innovation und Abenteuer darstellen. Es darf auch ganz normaler Blümchensex sein oder, und davon lese ich in der Tat zu wenig, ohne das Eindringen in Körperöffnungen auskommen.

Ansonsten gilt, wie so oft: Übung macht den Meister (oder die Meisterin). Klingt vielleicht im Zusammenhang mit der Thematik etwas seltsam, ist aber wahr. Je mehr man sich traut, Sexszenen zu schreiben, sich mit ihnen beschäftigt und daran feilt, desto mehr Routine beginnt man zu entwickeln. Lesen hilft natürlich auch – für den Fall, dass ihr schon immer mal eine Ausrede gebraucht habt, um euch Slash Fanfiction oder Ähnliches reinzuziehen. 😉

Mut zur Nicht-Perfektion

Das Fazit lautet also: Traut euch, Sexszenen zu schreiben, wenn ihr wollt. Seid mutig. Geht raus aus dem Einheitsbrei perfekt-blumiger Erotik und beschäftigt euch mit euren Charakteren und dem, was sie eigentlich wollen. Scheut Konflikte nicht, auch nicht beim Sex. Lasst weg, was ihr nicht braucht oder womit ihr euch unwohl fühlt – euer Buch wird sicher nicht schlechter dadurch. Vermeidet abgedroschene Porno-Klischees und blumige Umschreibungen, sondern bleibt bei der Sache.

Und – das als abschließender Appell – achtet bitte auf das gegenseitige Einvernehmen eurer Figuren, wenn ihr keine sexuelle Gewalt thematisieren wollt. Nein heißt nein. Auch bei Sexszenen. Danke. 🙂


[1] Allosexuell = Personen empfinden sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen

[2] Auf sexuelle Gewalt gehe ich in diesem Artikel bewusst nicht ein, möchte aber ausdrücklich unterstreichen, dass die Ausführungen in diesem Beitrag NICHT für Vergewaltigungen oder andere Darstellungen sexueller Gewalt gelten. Dennoch ist mir bewusst, dass der Grat zwischen Einvernehmen und Zwang bei bestimmten Konstellationen (starkes Machtgefälle, Prostitution etc.) oft ein schmaler ist. Gerade in diesem Bereich ist viel Fingerspitzengefühl und Sensibilität erforderlich.

[3] Der Bruch mit Konventionen kann hier als schönes Stilmittel eingesetzt werden, sollte dann aber intentional erfolgen – nicht aus einer Unachtsamkeit oder mangelnden Kontinuität heraus.


Wie ist das bei euch: Lest oder schreibt ihr gerne Sexszenen? Überblättert ihr sie eher? Was gefällt euch in solchen Szenen, was weniger? Erzählt gerne in bisschen, ich bin gespannt.


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Judith C: Vogt: Guter Sex in der Fantasy-Literatur

Judith C. Vogt: Schlechter Sex in Fantasy und Science-Fiction

Tristan (Desasterotik): Sexzsenen schreiben – ein kleiner Guide

2 Gedanken zu „Von Lustgrotten, Lachsen und Liebesschwüren

  1. Super Artikel, vielen Dank, Elea!
    Tatsächlich schreibe ich sehr gern Sexszenen. Ich schreibe nicht besonders viele, aber ich versuche eigentlich, bei jeder irgendwas Interessantes zu machen und jede Sexszene soll etwas über die Charaktere erzählen – aber, ja, ich freue mich vorher schon irgendwie drauf und denke auch eindeutig ZU VIEL über alle Ebenen von dem nach, was ich damit aussagen möchte! Aber irgendwie bin ich bislang weder gelangweilt noch irgendwie fertig mit dem Thema. 😀

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