Werk ohne Autor

Warum die Trennung zwischen Werk und Autor*in nie ganz gelingen kann

Die Frage beschäftigt die Literatur- und Medienwelt schon sehr lange: Kann – soll – muss man Autor*innen und ihre Werke voneinander trennen? Kann man ein Buch feiern und hypen, obwohl man weiß, dass die Person, die es verfasst hat, problematische Ansichten vertritt oder schrecklicher Dinge beschuldigt wird? Und welche Rolle spielt der historische Kontext dabei? Vorab: Diese Frage ist komplex. Sie ist vielschichtig und besitzt viele Dimensionen, die abgewogen werden müssen. Am Ende dieses Artikels werde ich keine klare Antwort darauf haben, denn wie so oft gibt es keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen. Ich kann hier nur ein paar Ideen, Zusammenhänge und Vorschläge aufwerfen. Wer mehr darüber lesen möchte, woher überhaupt der Gedanke einer Trennung zwischen Werk und Autor*in kommt, findet sehr viel Information im Blog-Beitrag von June T. Michael.

Content Notes zum Artikel
Erwähnung von trans- und queerfeindlichem, antisemitischem, rassistischem und (sexuell) übergriffigem Verhalten (ohne explizite Darstellung), Erwähnung von JK Rowling, Roman Polanski, Akif Pirincci und HP Lovecraft

Literatur im leeren Raum?

In der Überschrift wird deutlich, dass ich in einer Sache trotz aller Ambivalenz Stellung beziehe: Eine vollständige Trennung von Werk und Autor*in ist nie möglich. Warum ich das so sehe, führe ich gleich näher aus.

Geschichten entstehen nie in einem luftleeren Raum. Wir können nur das zu Papier bringen, was wir schon einmal erdacht haben. Geschichten entstehen aus dem, was wir sehen, erleben und fühlen oder das wir (nicht) erleben, sehen und fühlen wollen. Doch selbst dieses Wollen ist von dem geprägt, was wir kennen und wahrnehmen.

Amalia Zeichnerin beschreibt das in ihrem Essay etwas genauer. Sie trennt hier zwischen zwei Aspekten: dem bewussten, kreativen Schaffensprozess, in dem gezielt handwerkliche Stilmittel zum Einsatz kommen, und dem unbewussten Aspekt, in den eigene Lebenserfahrungen und kulturelle Prägungen („das Kollektive Unbewusste“) einfließen. Während der erste Teil noch gut steuerbar ist, entzieht sich der zweite oft unserem Zugriff.

Der Mythos von der neutralen Kunst

Der Gedanke, man könne Autor*innen und ihre Werke vollständig getrennt voneinander betrachten, resultiert aus dem Trugschluss, Literatur – oder Kunst allgemein – könne „neutral“ sein. Das ist sie nie. Sie ist immer geprägt von unserer Sichtweise und der Linse, durch die wir die Welt wahrnehmen und interpretieren. In einem Blogartikel bin ich etwas genauer auf dieses Thema eingegangen (hier im Kontext der Phantastik).

Natürlich kann der Einfluss der eigenen Perspektive einmal stärker und einmal schwächer ausgeprägt sein, abhängig davon, wie viel Raum dem bewussten und dem unbewussten Teil der kreativen Arbeit gelassen wird und wie sehr die Person über beides reflektiert. Es lässt sich nicht pauschal sagen, dass Menschen mit rassistischen Einstellungen auch rassistische Bücher schreiben. Und umgekehrt stammt ein Buch, in dem Rassismus reproduziert wird, nicht notwendigerweise von einer bewusst rassistischen Person1. Die eigene Perspektive und Weltsicht bleiben aber eine zentrale Basis für jede kreative Arbeit. Zudem ist nicht nur das aktive Aufgreifen bestimmter Themen ein politischer Akt, sondern auch das Weglassen. Ein Roman, in dem ein vielfältiger Figurencast vorkommt, kann genauso „politisch“ sein, wie der, in dem nur weiße cis Männer auftreten (s. den Tweet von Marina Weisband).

Screenshot eines Tweets von Marina Weisband (@afelia). Das Wort politisch ist dabei immer in Capslock geschrieben.

Es gibt 2 sexuelle Orientierungen: hetero und POLITISCH.
2 Hautfarben: weiß und POLITISCH.
2 Geschlechter: männlich und POLITISCH.
Tweet von Marina Weisband (@Afelia).

Der Markt regelt – nicht

Dass sich problematische Ansichten in kreativer Arbeit widerspiegeln können, ist nur ein Teil der Problematik. Sie geht noch wesentlich tiefer. Autor*innen profitieren von ihren Werken, finanziell und ideell. Jedes verkaufte Buch bringt Tantiemen, jede Lesung, jede Filmproduktion und jedes Franchise generiert Einnahmen. Von diesem Geld profitieren nicht nur die Autor*innen, aber letztlich unterstützen und finanzieren Käufe deren Lebensstil und deren Aktivismus.

Die Leserschaft ist der Markt – und der Markt regelt, so die landläufige Meinung. Solange sich ein Produkt also verkauft, wird es auch vertrieben und angeboten. Selbst dann, wenn die Person, die es geschaffen hat, menschenverachtende Ansichten vertritt oder in der Vergangenheit schreckliche Dinge getan hat. Im Kontext der #metoo Debatte finden sich zahlreiche Beispiele von Menschen, die trotz schlimmer Anschuldigungen weiter gefeiert und gehypt werden2.

Geld und Politik

Perfide wird das Ganze vor allem da, wo sich Kunst, Geld und Politik vermischen. Viele berühmte Autor*innen finanzieren Stiftungen, sponsoren Buchpreise oder spenden an politische bzw. gesellschaftsrelevante Organisationen. Ich greife hierzu zwei Beispiele auf.

Literaturpreisträger Peter Handke fiel in der Vergangenheit immer wieder durch Aussagen auf, die serbische Kriegsverbrechen im Jugoslawien-Krieg und den Holocaust verharmlosten. Handke spendete einen Teil seiner Preisgelder für Menschen im serbischen Teil des Kosovo und bekam von einer serbisch-nationalistischen Stiftung hohe Auszeichnungen für sein Lebenswerk verliehen.

Auch im Fall von J.K. Rowling finden sich Überschneidungen zwischen Literatur und Politik. Gemeinsam mit der konservativen Politikerin Emma Nicholson gründeten Rowling 2005 die Charity-Organisation „Lumos“. Nicholson ist eine Gegnerin von Queer- und Transrechten in Großbritannien, unter anderem ist sie gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und äußert sich auch in sozialen Medien immer wieder trans- und queerfeindlich. Die beiden Frauen stehen in engem Austausch, eine gegenseitige Einflussnahme ist also sehr wahrscheinlich.

In solchen Fällen kommen die Einnahmen aus Buchverkäufen also nicht nur den Autor*innen selbst zugute, sondern werden zu einem gewissen Teil auch dafür genutzt, politisch oder gesellschaftlich Einfluss zu nehmen und die eigene Agenda dadurch zu stärken. Medienauftritte, Lesungen oder Programmfeatures können denselben Effekt erzielen.

Grafik: Produktionskosten und weltweites Einspielergebnis der Harry Potter Filme in den Jahren 2001 bis 2016 (in Millionen US-Dollar).
Harry Potter und der Stein der Weisen: 974 Mio Dollar bei 125 Mio Dollar Kosten
Harry Potter und die Kammer des Schreckens: 878 Mio Dollar bei 100 Mio Dollar Kosten
Harry Potter und der Gefangene von Askaban: 896 Mio Dollar bei 150 Mio Dollar Kosten
Harry Potter und der Orden des Phönix: 939 Mio Dollar bei 150 Mio Dollar Kosten
Harry Potter und der Halbblutprinz: 934 Mio Dollar bei 250 Mio Dollar Kosten
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1: 960 Mio Dollar (Kosten nicht angegeben)
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2: 1,341 Mio Dollar (Kosten nicht angegeben)
Das Harry-Potter-Franchise bringt nach wie vor Millionengewinne

Die Macht sozialer Medien

Auch Online-Followerschaft generiert eine gewisse „Macht“. Die Algorithmen der sozialen Medien stufen Accounts mit vielen Followern als wichtiger ein, verbreiten deren Nachrichten eher weiter und schaffen mehr Sichtbarkeit. Selbst wenn man Autor*innen also nur wegen ihrer Geschichten folgt, wird so Sichtbarkeit für deren problematische Aussagen erzeugt. Und Sichtbarkeit kann wiederum zu mehr Followerschaft oder mehr verkauften Titeln führen.

Die einzelnen Aspekte sind also eng miteinander verzahnt und schwer voneinander zu trennen. Wer Autor*innen Geld oder Reichweite verschafft, muss immer auch damit rechnen, dass beides genutzt werden kann, um problematische Ansichten zu legitimieren oder zu finanzieren.

Was ich nicht weiß …

Ein Einwand ist sicherlich, dass man in Menschen nicht hineinschauen kann. Wahrscheinlich gibt es zahlreiche Autor*innen, die ihre unangenehmen Ansichten für sich behalten, keine sozialen Medien nutzen und kritische Fragen in Interviews möglichst umschiffen. Diese Menschen können die unangenehmsten Persönlichkeiten sein und massive menschenverachtende Dinge denken (oder getan haben), ohne, dass wir es je erfahren.

Das ist korrekt. Es gibt keine Garantie für „unproblematische“ Autor*innen. Generell gibt es keine unproblematischen Menschen, jede*r hat Fehler und Unzulänglichkeiten. Menschen auf ein Podest der „Unfehlbarkeit“ zu heben und von ihnen zu erwarten, dass sie nie falsche, unangenehme oder problematische Dinge tun, schadet einem Diskurs eher, als dass es ihm nützt. Zu diesem Thema der literarischen Held*innenverehrung schrieb ich ein paar Zeilen bei Queerwelten. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen Menschen, die eigene Fehler sehen, reflektieren und konstruktiv damit umgehen und jenen, die jede Form von Verantwortung leugnen oder Kritiker*innen sogar persönlich angreifen.

Darüber hinaus dreht sich die Diskussion ja primär um Autor*innen, deren problematische Ansichten bekannt sind. Dass es zusätzlich noch andere geben mag, von denen wir das nicht genau wissen, ist letztlich nur ein schwaches Argument – oder ein gutes dafür, genauer hinzusehen. Gerade weil Menschen nicht gläsern sind, müssen wir sie anhand ihrer Äußerungen und Verhaltensweisen einschätzen.

Ein Schlag ins Gesicht

Zudem darf auch nicht außer acht gelassen werden, wie sich die Unterstützung von Autor*innen mit offen -feindlichen oder -istischen Aussagen für Betroffene anfühlt. Wenn Menschen abwägen zwischen einem Follow für, sagen wir, JK Rowling, und der Solidarität mit queeren und trans Menschen, dann fühlt es sich verdammt schmerzhaft an, wenn Ersteres wichtiger erscheint. Marginalisierte Menschen wollen auch in den sozialen Medien nicht ständig mit Personen konfrontiert werden, die ihnen in der Vergangenheit Schaden zugefügt haben, oder mit deren feindlichen Aussagen. Ein Follow durch Dritte, mit denen ein großer Teil der eigenen Bubble verbunden ist, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass genau das eintrifft (so wollen es die Algorithmen). Manchmal ist es also einfach eine Frage von Solidarität.

Was ist problematisch?

Ein Streitpunkt liegt oft in der Frage, welche Verhaltensweisen, Einstellungen oder Haltungen von der Öffentlichkeit als „problematisch“ wahrgenommen werden. Gilt ein Verhalten erst dann als problematisch, wenn es im globalen Konsens so betrachtet wird? Wann ist das überhaupt der Fall? Wer entscheidet, ob etwas „problematisch“ ist? Das Strafrecht, ein gesamtgesellschaftlicher, moralischer Kompass oder potenziell Betroffene? Tatsächlich gibt es dazu keine einheitliche Antwort, wenngleich der letzte Punkt sicher der Wichtigste ist. Betroffene können am besten entscheiden, welche Einstellungen und Verhaltensweisen ihnen schaden und welche nicht (wobei auch „die Betroffenen“ nicht als homogene Masse betrachtet werden sollten).

Die Diskurse der letzten Jahre zeigen, dass hier sehr unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden. Während beispielsweise der Autor Akif Pirinçci nach massiven rassistischen und queerfeindlichen Aussagen übereinstimmend aus dem medialen Diskurs ausgeschlossen wurde, ist der rechtskräftig wegen Missbrauch einer Minderjährigen verurteilte Roman Polanski immer noch als Regisseur erfolgreich. Eine einheitliche Aussage über die „üblichen“ Konsequenzen lässt sich hier also nicht treffen. Die Entscheidung bleibt individuell.

1. Im Zweifel für den Angeklagten?

Für viele Menschen beginnt problematisches Verhalten erst im Kontext von Straffälligkeit. Nur, wer auch wegen einer Straftat verurteilt wurde (nicht nur angeklagt), kann als „persona non grata“ betrachtet werden (dass das kein Automatismus ist, zeigen allerdings Fälle wie der von Polanski). Dabei ergeben sich verschiedene Schwierigkeiten. Zum einen weichen die rechtlichen Rahmenbedingungen in verschiedenen Ländern stark voneinander ab. Eine Vergleichbarkeit ist also nicht immer gegeben. Zum anderen sind Verurteilungen auch in hohem Maße von Anzeigeverhalten, Spurenlage, Gerichtspraxis, Medien usw. abhängig. Ein Freispruch muss also kein Garant für die Abwesenheit einer Straftat sein. Ebenso wenig ist eine Verurteilung ein Beweis für Schuld oder moralisch integres Verhalten. Sich nur an strafrechtlichen Fakten zu orientieren, ist also nicht unbedingt „objektiver“ als andere Maßstäbe.

2. Justiz im Kontext der Geschichte

Besonders komplex wird es, wenn man den historischen Kontext einbezieht. Viele Taten, die heute vor Gericht verurteilt würden, waren vor hundert Jahren noch nicht strafbar und vice versa. Wer sich also an Verurteilungen orientiert, stößt hier an logische Grenzen. Der Schriftsteller Carl von Ossietzky wurde 1933 von den Nazis wegen Spionage inhaftiert, im Sinne seiner Zeit war er also „Straftäter“. Im Umkehrschluss würden Künstler wie Michelangelo da Caravaggio heutzutage wegen Verbreitung von Missbrauchsabbildungen verurteilt, wenn sie Bilder wie seinen „Amor als Sieger“ im Internet zeigten. Zu Caravaggios Zeit war das hingegen kein Problem.

Im Bereich der bildenden Kunst gibt es zunehmend Strömungen, die da Kritik üben, wo sich das problematische Verhalten der Künstler schon deshalb nicht von ihrem Werk trennen lässt, weil es unmittelbar mit der Entstehungsgeschichte verknüpft ist. Wie geht man mit Werken um, deren Modelle vermutlich kein Einverständnis für die Darstellung gegeben haben – oder sogar dazu genötigt wurden?3. Eine Kontroverse, die erst langsam in der Kunstszene ankommt.

Gemälde zeigt zwei polynesische Frauen am Strand. Eine sitzt der betrachtenden Person zugewandt, blickt aber leicht zur Seite. Sie trägt ein rosafarbenes, langes Gewand. Die zweite Frau sitzt schräg mit dem Rücken zur betrachtenden Person, sie trägt ein weißes Oberteil und einen roten Wickelrock mit Blumenmuster. Im Hintergrund ist eine Küstenlinie zu sehen. Beide Frauen haben ihr Haar mit Blumen geschmückt.
Auch die Werke des Malers Paul Gaugin werden aufgrund der oft exotisierenden Darstellung und der Sexualisierung Minderjähriger kritisiert. Gaugin selbst unterhielt auf Tahiti eine Liebesbeziehung zu einem minderjährigen Mädchen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Es zeigt sich also, dass die Justiz als Bewertungs-Instrument zu kurz greift, zumal wir ohnehin in seltenen Fällen von strafrechtlich relevanten Taten sprechen, sondern viel häufiger über diskriminierende oder feindselige Äußerungen. Doch wer entscheidet nun, ob eine Aussage feindlich war oder nicht? In den meisten Fällen lohnt es sich, dazu die Einschätzung von Expert*innen zu hören – und das sind in der Regel diejenigen, die selbst betroffen sind und sich mit der Materie befasst haben. Zu vielen Kontroversen gibt es umfassende Analysen und Darstellungen von Expert*innen, die sich z.B. mit JK Rowlings transfeindlichen Aussagen oder auch mit dem Kabarett-Programm von Lisa Eckhart beschäftigen und diese dekonstruieren.

Eine „objektive“ Bewertung von feindlichen oder problematischen Äußerungen ist ein Trugschluss, den wir nie erreichen können. Während wir die Temperatur oder Dichte eines Objekts mit physikalischen Methoden klar bestimmen können, ist die Bewertung von Aussagen immer von Bewertungsmaßstäben, Kontext und Erfahrung abhängig. Eine informierte Beurteilung sollte allerdings immer verschiedenen Ebenen einschließen und nicht auf einer davon hängen bleiben. Zudem sollte ein wesentlicher Faktor immer das Urteil Betroffener sein, die feindliche Aussagen am klarsten bewerten und einschätzen können.

Intention und Wirkung

Befürworter*innen der Trennung zwischen Werk und Schaffenden führen oft an, man könne den Künstler*innen keine Absicht vorwerfen, sie seien ja keine -istischen Menschen und ihr Ziel sei es nicht, Betroffene abzuwerten, zu diskriminieren oder zu verletzen. Das mag in vielen Fällen stimmen. Deswegen erscheint es mir auch nicht zielführend, über die Intention der Autor*innen zu sinnieren, sondern viel eher, die Wirkung ihrer Texte zu beurteilen.

Michael Ende war weit davon entfernt, Rassist zu sein – trotzdem reproduziert seine Darstellung des Kaiserreichs China (später: Mandala) rassistische Stereotype und der Vergleich von Jims Hautfarbe mit Ruß und Schmutz ebenso. Auch Astrid Lindgren war keine Rassistin – trotzdem verletzt das N-Wort in ihren Büchern Schwarze Leser*innen, vor allem Kinder. Und auch Enid Blyton sah sich als Verfechterin von Gerechtigkeit, Empathie und Gemeinschaftsgefühl – trotzdem finden sich in ihren Werken deutliche rassistische und sexistische Darstellungen.

Das Sprichwort „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“ trifft hier in hohem Maße zu. Selbst mit besten Absichten machen Menschen Fehler oder verletzen andere. Gerade dann ist es doch naheliegend, um Entschuldigung zu bitten und es künftig besser zu machen, statt auf dem Vorgehen oder den guten Absichten zu beharren. Ein gebrochener Fuß ist ein gebrochener Fuß – ganz egal, ob die verursachende Person aus Versehen oder mit Absicht draufgetreten ist.

Trennung Werk vs. Autor*in: Drei Beispiele

Das Fazit ist also, eine Trennung zwischen Werk und Autor*in ist nie zur Gänze möglich und uns sollte vor allem die Wirkung der Texte interessieren, weniger die Intention dahinter.

Aber was ist jetzt die Folge? Problematische Autor*innen canceln? Wie soll das gehen, wenn wir doch alle irgendwie „problematisch“ sind? Wo ist die Grenze? Was ist noch okay, was nicht? Zugegeben, darauf habe ich keine Antworten, es gibt auch keine allgemeingültigen Leitlinien für diese komplexe Ausgangssituation. Im Folgenden möchte ich allerdings anhand von drei Beispielen Anregungen geben, welche Kriterien möglicherweise relevant sind, wie man als Konsument*in mit dem Problem umgehen kann, und welche Stellschrauben man berücksichtigen könnte.


H. P. Lovecraft

Horor-Ikone und White Supremacist
Foto von H.P. Lovecraft von 1934
(gemeinfrei)

Howard Philipps Lovecraft (1890-1937) gilt als Ikone des kosmischen Horrors. Er war eine prägende Figur Phantastik- und Science-Fiction-Literatur des 20. Jahrhunderts – und ein „White Supremacist“. Er war überzeugt von der Überlegenheit der „weißen Rasse“, setzte in einem Gedicht (das hier wegen des N-Worts unzitiert bleibt4) Schwarze Menschen mit Tieren gleich, war ein Bewunderer Hitlers und auch Anhänger antisemitischer Verschwörungsideologien (mehr dazu schreibt Luise Loges in ihrem sehr guten Artikel bei Teilzeithelden).

Häufig liest man, Lovecraft sei eben „Kind seiner Zeit“ gewesen und seine Äußerungen seien Ausdruck eines insgesamt rassistischen Zeitgeists gewesen. Das lässt sich nicht aufrechterhalten, selbst für seine Zeit war Lovecraft in besonderem Maße rassistisch. Und selbst wenn man eine gewisse Relativierung zulässt, bleibt die Wirkung seines Gedankenguts bis heute problematisch, denn es findet sich auch in vielen seiner Werke wieder. Dazu muss man nicht einmal das oben genannte Gedicht heranziehen, sondern auch seine Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos zeigen immer wieder Lovecrafts Abneigung gegen Schwarze, indigene Kulturen und weniger gebildete Bevölkerungsschichten auf5.

Tot, aber ikonisch

Wie geht man nun um mit Lovecrafts Erbe? Fakt ist: Lovecraft ist tot, ein Großteil seiner Werke mittlerweile gemeinfrei. Ein Kauf seiner Werke bringt ihm also kein Geld mehr und es kann auch nicht mehr für rassistische Kampagnen in seinem Namen benutzt werden. Zudem genießt Lovecraft bereits Weltruhm, ihn zu lesen oder zu erwähnen (oder auch ihn zu ignorieren) verändert wenig an den bestehenden Strukturen – zumindest kurzfristig betrachtet.

Zugleich zeigt sich aber im Fall von Lovecraft ein starker „Personenkult“: Bis 2015 zierte sein Konterfei den Pokal des World Fantasy Awards und erst nach deutlicher Kritik von Autor*innen of Color (darunter Nnedi Okorafor und Sofia Samatar) wurde diese Trophäe geändert. Auch zeitgenössische Autor*innen benennen Lovecraft immer wieder als Inspirationsquelle oder widmen sich intensiv seinem Lebenswerk. Dieser Status wird von Fans auch häufig als „Schutzschild“ benutzt, um Rassismus-Vorwürfe zu relativieren.

Ein problematisches Erbe

In einem haben diese Stimmen aber recht: Lovecraft ist als Gallionsfigur des kosmischen Horrors6 aus dem Genre nicht wegzudenken. Ganz unabhängig von seinem literarischen Einfluss hat er auch die Rollenspielszene und die Filmbranche entscheidend geprägt und wurde vielfach rezipiert und neu aufgelegt. Es erscheint daher unmöglich, seinen Einfluss auf die Science Fiction, die Phantastik und das Horror-Genre zu ignorieren.

Neuere Strömungen versuchen daher, den kosmischen Horror zunehmend von Lovecraft zu lösen, seine rassistischen Tropes zu dekonstruieren und neue Narrative zu entwickeln. Ein Beispiel hierfür ist der Roman „Lovecraft Country“ von Matt Ruff (oder die darauf basierende Serie von Misha Green), der Ideen aus dem kosmischen Horror aufgreift, um vor allem den massiven Rassismus der Jim-Crow-Ära in den USA zu problematisieren. Anstelle des diffus „Fremden“ – wie bei Lovecraft – sind die White Supremacists hier der wahre Horror. Auch N.K. Jemisin dekonstruiert in ihrem Roman „The City we Became” bewusst Lovecrafts Erbe und zentriert ihre Geschichte auf die Perspektive der Marginalisierten.


This is deliberately a chance for me to kind of mess with the Lovecraft legacy. He was a notorious racist and horrible human being. So this is a chance for me to have the “chattering” hordes—that’s what he called the horrifying brown people of New York that terrified him. This is a chance for me to basically have them kick the ass of his creation. So I’m looking forward to having some fun with that.N. K. Jemisin
Muss es immer Lovecraft sein?

Dennoch bleibt die Ambivalenz bestehen: Wer sich mit Lovecraft befasst, rezipiert auch seine rassistischen Einstellungen. Beides lässt sich nicht trennen, schon allein deshalb, weil sich der Rassismus auch in seinen Werken wiederfindet. Von daher kann man sich durchaus die Frage stellen, ob es „schon wieder“ Lovecraft sein muss oder ob auch progressivere Erzählungen als Inspirationsquelle in Frage kommen. Die alten Meister können auch mal in die Mottenkiste.

J. K. Rowling

Harry Potter und das Geheimnis der TERFs
Foto von J.K. Rowling von 2010 (gemeinfrei)

Joanne K. Rowling – Autorin der berühmten Harry-Potter-Romanreihe – ist mittlerweile die wohl prominenteste Vertreterin in der Debatte um die Trennung von Werk und Autor*in. In den vergangenen Jahren hat sich Rowling zunehmend als „TERF“ positioniert, als eine radikale Feministin, die trans Menschen aus ihrem Aktivismus ausschließt. Rowling besteht darauf, Menschen anhand ihrer Genitalien in Frauen und Männer einzuteilen und spricht damit trans und nicht binären Menschen ihr Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung ab.

In ihrem langen Essay äußerte sie zudem ihre Unterstützung für andere transfeindliche Frauen und pathologisierte trans Menschen als gefährlich, verwirrt oder psychisch krank (eine sehr ausführliche Auseinandersetzung mit ihrem Essay haben Brynn Tannehill und Andrew Carter vorgenommen).

In der Harry-Potter-Reihe gibt es keine offenen Bezüge zu trans Personen, allerdings finden sich auch dort rassistische, sexistische oder antisemitische Darstellungen. Auch Rowlings Umgang mit Queerness, zum Beispiel in Hinblick auf das nachträgliche Outing von Albus Dumbledore, wurde mehrfach kritisiert. Im brandneuen Thriller „Troubled Blood“, den Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasst hat, taucht wiederum ein transfeindlicher Trope auf: ein potenzieller Sexualverbrecher fällt dadurch auf, dass er Frauenkleider trägt, um seine Opfer zu täuschen und sich damit sexuell zu erregen (warum dieser Trope queer- und transfeindlich ist, habe ich in diesem Blogbeitrag genauer erklärt). Auch in Rowlings Fall lassen sich Einstellungen und Inhalte also nicht vollständig voneinander trennen.

Rowling als politische Akteurin

In Rowlings Fall manifestiert sich ihre Transfeindlichkeit also nicht unbedingt direkt in den Harry-Potter-Romanen, aber sehr wohl in ihrem politischen Engagement. Rowling setzte sich in der Vergangenheit mehrfach für Frauen ein, die wegen transfeindlicher Äußerungen in Kritik geraten waren, machte Werbung für einen Online-Shop, der auch transfeindliche Produkte vertreibt, und verglich geschlechtsangleichende Maßnahmen mit der gewaltvollen Konversionstherapie bei Homosexualität. Auch ihre Nähe zu der konservativen Politikerin Emma Nicholson, die u.a. die gleichgeschlechtliche Ehe ablehnt und die neuen queerfeindlichen Gesetze in Ungarn als Erfolge begrüßt, wirft kein gutes Licht auf Rowling.

Seit jeher nutzt Rowling ihre Bekanntheit und ihre finanziellen Ressourcen für ihren politischen Aktivismus. Bislang hat sie sich dabei gegen den Brexit, für Geflüchtete und für Schwangerschaftsabbrüche eingesetzt (für einen Überblick: Wikipedia). Seit 2019 konzentriert sie sich fast ausschließlich auf ihren Aktivismus gegen die Selbstbestimmung von trans Menschen. Dabei fühlt sich nach wie vor von ihren Fans unterstützt. In einem Interview gab sie an, dass 90 % ihrer Fans ihre Ansichten teilen würden, sich aber nicht trauten, diese offen zu äußern.

Ihre Aussagen zu trans Personen haben auch politisches Gewicht: Als 2020 der Equality Act in den USA vom US-Senat abgelehnt wurde, zitierte der republikanische Senator James Lankford Rowlings Essay als eine Grundlage für diese Entscheidung.

Statement durch Fandom

Auch Rowlings Fall ist ein Beispiel, in dem die Trennung zwischen Autor*in und Werk nur unzureichend gelingt. Rowling verdient nach wie vor große Summen mit dem Harry-Potter-Fandom, mit Merchandise und mit Filmrechten. Teile dieser Summe fließen auch in ihre politischen Projekte.

Zudem erzielt sie durch ihre Fans eine enorme Reichweite, die sie wiederum nutzt, um politischen Druck auszuüben, auf trans Menschen und auf jene, die sich für deren Rechte einsetzen (u.a. drohte Rowling dem Magazin The Day und queer-aktivistischen Privatpersonen mit juristischen Konsequenzen). Ihr Support für transfeindliche Aktivist*innen und die Verbreitung ihres Essays sind nur zwei Beispiele für ihren politischen Einfluss. Solange Rowling ihre Position also für politische Aussagen und aktive Anti-Trans-Policy nutzt, muss auch der Kauf ihrer Produkte, Werbung für diese Werke oder deren aktive Verbreitung als politischer Akt gelten. Sicher kann man es unfair finden, dass Rowling ihre Kundschaft auf diese Weise zu einer Positionierung zwingt, aber leider ändert es nichts an den Gegebenheiten.

Rückzugsort: Fanfiction

Ähnlich wie bei Lovecraft lässt sich nicht verleugnen, dass Harry Potter und Rowling eine ganze Generation von Leser*innen und die Phantastik als Genre enorm geprägt haben. Harry Potter hat vielen Leser*innen eine Menge bedeutet, eine ganze Generation ist damit aufgewachsen und hat viel Positives aus diesen Büchern gezogen. Auch Rowling war für ihre Fans lange Zeit ein Idol, das als alleinerziehende Mutter im Zug und in Cafés einen Fantasy-Roman schrieb, der zuerst überall abgelehnt und schließlich doch zum Weltbestseller wurde.

Das Harry-Potter-Fandom zeichnet sich durch einen hohen Anteil queerer und progressiver Menschen aus, wahrscheinlich ein Grund, warum Rowlings transfeindlicher Aktivismus so hohe Wellen geschlagen hat. Auch in der Fan-Fiction-Kultur ist Harry Potter ein fester Bestandteil geworden. Diese bietet den Fans die Möglichkeit, die Harry-Potter-Historie neu zu erzählen: in queer, in divers, in vielfältig. Bisweilen auch mit einem eindeutigen Fingerzeit in Rowlings Richtung, um den transfeindlichen Strömungen keinen Raum zu geben. Zugleich bleiben Fan Fictions aber immer Rezeptionen des Ursprungsmaterials – ähnlich wie bei Lovecraft. Eine Harry-Potter-Fanfiction funktioniert nur mit Kenntnis des Originals.

Harry Potter zurückerobern?

In Folge 75 des Podcasts „Our Opinions are Correct“ sprechen die Autor*innen Charlie Jane Anders, Annalee Newitz und Cecilia Tan über ihre persönliche Harry-Potter-Biographie und über die Frage, wie – oder ob – sich Harry Potter noch zurückerobern lässt.

Like, you can’t do a space opera without kind of referencing where you fit between Star Wars and Star Trek. You can’t just pretend giant things don’t exist. You can’t write a superhero comic without ever referencing that Superman exists. That kind of thing. It’s like the foundational things that are so big in the canon that they’re like a gravitational well, right? So yeah, now there’s a whole generation out there who are writing their own magic school books and their own fantasies of all kinds that are still in some way trying to fix it, that are like, well, I’m going to write the inclusive, diverse, you know, whatever. Cecilia Tan

Fraglich ist also, ob sich der Aufwand lohnt, oder ob es nicht klüger wäre, Harry Potter den Rücken zu kehren und neue Felder zu erschließen. Es gibt schließlich eine Menge zeitgenössischer Fantasy und keine Notwendigkeit, an 20 Jahre altem Material festzuhalten. Rick Riordan wäre zum Beispiel ein guter Anfang.

Warren Ellis

Metoo in dem Karpaten
Warren Ellis signing at Jim Hanley’s Universe, NYC/Manhatten, circa April or May 2000.
Foto by Rootolgy, Cc-by-2.5.

Als drittes Beispiel fungiert anstelle eines belletristischen Werks eine Zeichentrickserie, nämlich die Videospielverfilung „Castlevania“, produziert von Netflix und verfasst vom Comicautor Waren Ellis. Nach vier Staffeln wurde die Serie in diesem Jahr eingestellt und Netflix trennte sich von Drehbuchautor Waren Ellis.

Grund dafür waren massive Anschuldigungen gegen ihn: Zahlreiche Frauen warfen ihm vor, sie manipuliert, ausgenutzt und sexuell belästigt zu haben (ein Überblick über alle Vorwürfe und Unterzeichnerinnen findet sich hier). Ellis räumte die Vorwürfe ein und entschuldigte sich.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Im Kontext der #metoo Debatte vernahm man oft die vehemente Forderung nach der „Unschuldsvermutung“. Das ist eine zentrale und wichtige Säule unseres Rechtssystems, an der nicht gerüttelt werden darf. Dennoch gilt sie vor dem Gesetz, nicht gegenüber Einzelpersonen. Ob man jemanden ganz persönlich für „schuldig“, moralisch integer oder verantwortlich hält, ist jeder Person selbst überlassen. Niemand ist gezwungen, eine Person für unschuldig zu halten, weil sie nie verurteilt wurde. Umgekehrt sollte man sich mit Spekulationen aber auch angemessen zurückhalten.

Nur ein Urteil zählt?

Ganz abgesehen davon, dass also auch ein Gerichtsurteil als Entscheidungskriterium nicht „besser“ ist als jedes andere, bleibt die Frage, warum Straffälligkeit in diesem Kontext überhaupt die entscheidende Rolle spielen muss. Auch legales Verhalten kann moralisch verwerflich sein und manchmal ist eine Gesetzesübertretung moralisch geboten. Auch bei Warren Ellis ist fraglich, ob die von den Frauen geschilderten Verhaltensweisen in den Bereich von Straffälligkeit fallen – eklig und übergriffig sind sie aber in jedem Fall. Was heißt das nun für „Castlevania“?

Konsequenzen ziehen

Bei Serien oder Filmproduktionen dürfte die Entscheidung noch schwerer fallen, da hier zahlreiche Personen beteiligt sind, von denen nur wenige im Rampenlicht stehen. Ein rassistische Kameramann dürfte also weniger häufig auffallen als eine rassistische Schauspielerin, obwohl beide gleichermaßen an der Produktion mitgewirkt haben. Wo ziehen wir also die Grenze?

Im Fall von „Castlevania“ hat Netflix bereits auf die Vorwürfe reagiert und die Zusammenarbeit mit Ellis beendet. Im geplanten Spinoff wird er keine Rolle mehr spielen. Das erleichtert zwar unter Umständen die Entscheidung, die Serie weiter zu begleiten, wirft aber auch die Frage auf, ob man die bisherigen vier Staffeln noch ansieht, rezipiert oder weiterempfiehlt.

Castlevania als „queer icon“

Besonders schade ist das Ganze, weil „Castlevania“ u.a. durch explizit queere Figuren in der queeren Community viel Aufmerksamkeit erhalten hat. Viele erlebten die Serie, auch in Hinblick auf den Umgang mit Marginalisierung, als empowerend und es existieren zahlreiche Fanfictions und viel Fanart zur Serie.

Ähnlich wie im Harry-Potter-Fandom bleibt also die Frage, ob es dem Publikum gelingt, die Serie zu ihrem eigenen Produkt zu machen und sie ohne Ellis weiterzuerzählen. Da es sich nicht um Ellis‘ eigene Schöpfung handelt, sondern eine Videospiel-Adaption, erscheint dieses Vorhaben realistischer als zum Beispiel im Fall von JK Rowling. Die Trennung zwischen Autor und Werk ist hier einfacher. Ob es jedoch gelingt und ob die Konsequenzen gegen Ellis tatsächlich einen Effekt erzielen, wird die Zeit zeigen müssen.


Werk und Autor*in: Was bleibt?

Wie eingangs angekündigt kann auch dieser Beitrag die Frage, wie man mit problematischen Texten oder ihren Verfasser*innen umgeht, nicht abschließend beantworten. Ich hoffe allerdings, ich konnte ein paar Denkanstöße geben oder Ambivalenzen aufzeigen.

Ich beende diesen Beitrag mit ein paar Thesen aus meiner persönlichen Sicht.

  1. Eine Trennung zwischen Werk und Autor*in ist weder möglich noch zielführend.
  2. Texte sind nie unpolitisch – und auch Werbung für diese Texte wird zum Politikum, sobald sie direkt oder indirekt politischen Aktivismus oder menschenfeindliche Einstellungen unterstützt.
  3. Reichweite ist Macht und legitimiert problematische Ansichten.
  4. Es gibt keine Notwendigkeit, an Autor*innen festzuhalten, wenn man sich mit deren Aussagen, Inhalten oder Texten nicht (mehr) identifizieren kann. Es gibt immer Alternativen.
  5. Die aktuelle Wirkung eines Textes ist entscheidender als die ursprüngliche Intention, wobei auch die berücksichtigt werden kann.
  6. Nostalgie ist keine gute Rechtfertigung dafür, Menschen mit feindlichen Ansichten zu unterstützen oder weiterhin deren Produkte zu kaufen.
  7. Kritik zu bekommen und Konsequenzen aushalten zu müssen, weil man sich menschenfeindlich verhalten hat, ist keine Cancel Culture (wobei Gewaltandrohungen nie valide sind).
  8. Antworten sind nicht immer leicht, insbesondere bei komplexen Fragen.

Danke für Lesen!


Weiterführende Links

Amalia Zeichnerin: Muss man die Kunstschaffenden von der Kunst trennen? Link.

June T. Michael: Warum Kunst und Künstler*in untrennbar zusammengehören – und ein Versuch, zu rekonstruieren, woher diese Idee überhaupt kommt. Link.

Luise Loges: Nazi-UFOs über den Bergen des Wahnsinns: Der Rassismus des H.P. Lovecraft und das Rollenspiel. Teilzeithelden, Link.

Lars Schmeink: Der Fall H.P. Lovecraft. Über den Umgang mit einem rassistischen Autor. Tor Online. Link.

Nerd ist ihr Hobby: Podcastfolge zu Bodyhorror (u.a. mit Lovecraft und dem konstruktiven Umgang mit seinem „Erbe“). Link.

Phexbasar: Kunstwerk von Künstler*in voneinander trennen? (Werkimmanenz vs. Biografismus) (Link)


1. Da Rassismus – genau wie andere -ismen – immanenter Teil unserer Gesellschaft sind, haben wir alle Aspekte davon verinnerlicht. Es kommt hier also auf die Definition an, die man dem Begriff „Rassist*in“ zugrunde legt. Gewisse (unbewusste) -ismen werden sich in jeglichen Werken finden lassen.

2. Über irreführende Cancel-Culture-Vorwürfe habe ich in Queer*welten 4 einen ausführlichen Essay geschrieben.

3. Einen Überblick über diese Kontroverse gibt es in einer Folge des Podcasts „ZEIT Verbrechen“. Dabei geht es zunächst um den Architekten Adolf Loos und Vorwürfe des Kindesmissbrauchs, die lange Zeit gedeckt wurden. Im Anschluss wird aber auch über Caravaggios Armor und weitere Gemälde mit problematischer Entstehungsgeschichte gesprochen. Ich gehe mit den Schlussfolgerungen nicht d’Accord, die Folge bietet aber einen guten Überblick über die Debatte.

4. Wer es lesen möchte, findet es hier im Blog der Science-Fiction-Autorin Nnedi Okorafor.

5. Hierzu gibt es eine Menge Analysen und Aufzählungen. Einen Überblick bietet Luises Artikel bei den Teilzeithelden oder auch dieser englischsprachige Artikel auf Literary Hub.

6. Ich benenne Lovecraft hier ganz bewusst nicht als „Vater“ des kosmischen Horrors, denn Lovecraft hat das Genre nicht „erfunden“, sondern lediglich verdichtet. Sein Werk ist stark beeinflusst von Autoren wie Jules Verne, E.T.A. Hoffmann, Edgar Allen Poe oder Robert W. Chambers (dem Schöpfer des Mythos‘ um den „König in Gelb“).

6 Gedanken zu „Werk ohne Autor

  1. Es sollte ja nicht darum gehen, Autor und Werk zu trennen, sondern die Moral des Autoren und sein Werk zu trennen.
    Wo will man sonst eine Grenze ziehen?
    Will man z.B. alle Kunst canceln, die von Caravaggio, einem genialem, wegweisenden Maler, Tunichtgut und Mörder beeinflusst wurde, bis in die Gegenwart hinein?
    Vielen Dank, aber ich möchte in keinem Zeigefinger-Gouvernantenstaat ala Wilhelm Busch leben.

    1. Hallo Andreas, hast du den Artikel auch gelesen, ehe du hier kommentiert hast? Die Frage nach der Grenze ist ja genau die, die ich in diesem Beitrag problematisiere (indem ich verschiedene, mögliche Maßstäbe aufzeige) – und ich kann mich nicht erinnern, daraus Vorschriften für irgend jemandem abgeleitet zu haben. Insofern kannst du deine Empörung auch gerne wieder einpacken. Grüße, Elea

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