Fantastisch Politisch

Phantastik ist purer Eskapismus, so lautete lange die vorherrschende Meinung. Entwicklungen auf dem internationalen Buchmarkt zeigen allerdings: Phantastik ist mitnichten unpolitisch, sondern ein Spiegel der Gesellschaft, in der wir uns bewegen oder in naher Zukunft bewegen könnten. Warum es meiner Einschätzung nach unabdingbar ist, auch in der Phantastik in politischen Dimensionen zu denken, erkläre ich euch in diesem Beitrag.

Hugo Awards: Diversität & Own Voice

Jährlich werden auf der World Con die Hugo Awards verliehen, die wichtigsten Fantasy- und Science-Fiction-Preise weltweit. Auch wenn man die nominierten Werke, die im Vorjahr erschienen sein müssen, in Deutschland häufig noch nicht kennt, lohnt sich ein Blick auf die Nominierungs-Listen, denn was im englischsprachigen Ausland Trend ist, kommt sicher bald nach Deutschland. Oder?

Tatsächlich lohnt es sich, die Nominierten etwas genauer anzusehen, um zu erkennen, warum dieser Preis zum einen so wichtig ist und zum anderen viele Fragen aufwirft. Betrachten wir exemplarisch die Nominierten für den „Besten Roman“. Unter sechs Nominierten sind fünf Frauen, eine davon offen lesbisch, und ein schwuler trans Mann. Zwei von ihnen sind zudem PoC[1]. Im Gegensatz dazu fanden sich auf der Shortlist des SERAPH, des wichtigsten deutschen Phantastikpreises, genau eine Frau und vier cis-Männer, alle weiß, keiner offen queer.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei einem Blick auf die Figuren der für den Hugo nominierten Werke. Jeder einzelne der Romane repräsentiert (in unterschiedlichem Umfang) queere Figuren und/oder PoC, teils auch aus einer Own Voice[2]-Perspektive. Auch auf dem deutschen Phantastik-Buchmarkt deutet sich eine Entwicklung in diese Richtung an, doch gerade in den erfolgreichen Fantasy- und Science-Fiction-Bestsellern von deutschen Autor*innen mangelt es noch an diversen Figuren, politischen Statements und Own-Voice-Perspektiven[3].

Unpolitische Fiktion – ein Märchen?

 „Warum muss man denn immer politisch sein?“, lautet dabei eine Frage, die sich viele Leser*innen und Autor*innen gerade in den Social Media häufig stellen. Basis dieser Frage ist die Überzeugung, dass Geschichten unpolitisch sein können. Und das ist ein Trugschluss[4].

Sicher gibt es Geschichten, die bewusst politische oder soziale Fragestellungen aufgreifen und Leser*innen aktiv zum Nachdenken verleiten. Das können Romane sein, die Zeitgeschehen verarbeiten, aber auch Fantasy- oder Science-Fiction-Werke. Schon Ursula le Guin hat mit „Die linke Hand der Dunkelheit“ 1969 eine Gesellschaft ohne die sexuelle Unterteilung in Männer und Frauen erforscht. Nora K. Jemisin thematisiert in „Zerrissene Erde“ Diskriminierung und Unterdrückung am Beispiel einer übersinnlich begabten Bevölkerungsgruppe. Und Theresa Hannig kritisiert in ihrer Dystopie „Die Optimierer“ die Überwachungs- und Datensammelwut moderner Gesellschaften.

Dennoch dürfen wir Romane, die ohne diesen konkreten Bezug auskommen, nicht als „unpolitisch“ betrachten. Jeder Roman ist ein Spiegel seiner Zeit, ein Spiegel der Gesellschaft, in der sein/e Autor*in lebt, und ein Spiegel der Privilegien, die diese Person besitzt. Deutlich wird das, wenn wir in die Vergangenheit blicken. Enid Blyton hatte sicherlich keine bewusste Intention für ihre Internatsromane über „Dolly“ oder „Hanni und Nanni“, trotzdem transportieren sie ein gewisses Gesellschaftsbild, vor allem in Bezug auf Geschlechterrollen . Auch die „Harry Potter“-Reihe, die nie als Politikum entstand, sondern als Kinderbuchreihe, vermittelt eine Vielzahl gesellschaftsrelevanter Botschaften.

 Kein*e Autor*in ist frei von Einflüssen der sozialen und kulturellen Umwelt, und auch die Phantastik ist nichts anderes als ein Spiegelbild der sozialen Realität. Als Autor*innen erfinden wir nichts im luftleeren Raum, sondern lassen uns von Ereignissen und Erfahrungen inspirieren, die uns im realen Leben begegnen – das können alltägliche Anekdoten oder interessante Filme sein, aber eben auch Aspekte unserer Sozialisierung, mit denen wir aufwachsen und die wir als „normal“ erleben.

Unpolitisch ist auch politisch

Aus diesem Grund wird der Terminus „unpolitisch“ oft für Romane verwendet, die vor allem das repräsentieren, was wir aufgrund unserer Erfahrung als „alltäglich“ erleben und was wir als Genrekonvention begreifen: Figuren mit weißer Hautfarbe, die sich klar als männlich oder weiblich definieren, die cis-geschlechtlich und heterosexuell sind[5]. Doch auch solche Romane vermitteln ein gewisses Bild, nämlich das einer Welt, in der queere Personen oder People of Color nicht existieren oder nur ungewöhnliche Einzelfälle bzw. Exoten darstellen.

Der Fachbegriff für dieses Phänomen nennt sich „Erasure“, und meint das systematische Unsichtbarmachen von marginalisierten Personen im öffentlichen Leben oder eben auch in der Literatur. Dieses Phänomen resultiert nicht unbedingt aus bewusster Aggression oder dem Wunsch nach Unterdrückung, sondern kann auch durch Unwissen, fehlendes Interesse oderentsprechende Sozialisation entstehen[6].

Unabhängig davon sind die Folgen aber gravierend, denn Menschen, die ohnehin Schwierigkeiten haben, in der Gesellschaft gesehen und akzeptiert zu werden, werden dadurch noch unsichtbarer, noch stärker als „anders“ oder „exotisch“ gelabelt und finden auch in der Literatur keine geeigneten Identifikationsfiguren. Wir sehen also: Das Ignorieren von bestimmten Personengruppen ist mitnichten unpolitisch, sondern trägt schlicht und ergreifend dazu bei, den (problematischen) Status Quo zu erhalten

„Werden Sie nicht zu fremd“: Ein Plädoyer für den Status Quo

Gerade in der Phantastik scheint dieser Status Quo eine Art heiliger Gral zu sein. Auf dem Branchentreffen des Phantastik Autoren Netzwerks (PAN) 2019 formulierte Bestsellerautor Bernhard Hennen auf der Basis seiner eigenen Erfahrungen eine eher ernüchternde Take-Home-Message für alle Fantasy-Autor*innen: „Fantasy-Leser*innen lieben das Vertraute im Fremden. Also werden Sie nicht zu fremd.“ Settings außerhalb des gängigen eurozentrischen Fantasy-Mittelalter-Klischees seien nicht verkaufsfördernd, so Hennen. Technologische Errungenschaften wie Schießpulver oder andere kulturelle Einschläge würden deutsche Leser*innen eher abschrecken. Das Fazit ist also: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Denkt man diesen Gedanken konsequent zu Ende, ist das Ergebnis bestenfalls desillusionierend, denn das gängige eurozentrische Mittelalter-Bild in der klassischen Fantasy zeichnet sich allgemein durch geringe Diversität aus. Die Akteur*innen sind überwiegend weiß, cis und hetero – und auch das Weltbild orientiert sich nicht selten an misogynen Vorstellungen eines „dunklen Mittelalters“, in dem es weder PoC noch Frauen oder Queers in relevanten Positionen gab.[7]

Erinnern wir uns an die Argumentation zu Beginn dieses Beitrags, dann wird schnell klar: Auch das ist politisch. Entscheidet sich der/die Autor*in für eine heteronormative, vorwiegend weiße Fantasy- oder Science-Fiction-Welt, besitzt dies ebenso viel politische Aussagekraft, wie die Entscheidung für eine Welt, die kein binäres Geschlechtermodell kennt oder in der jede Form von sexueller Orientierung ohne Einschränkungen existieren kann.

Die Macht von Literatur

Wir sehen also: Ganz unabhängig von einer bewussten gesellschaftspolitischen Intention sendet auch die phantastische Literatur klare Signale an ihre Leserschaft. Diese Signale sind auch nicht trivial. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass fiktionale Literatur die Einstellung der Leser*innen zu bestimmten Themen oder Personengruppen beeinflussen kann. Dieser Effekt tritt vor allem dann auf, wenn sich die Leserschaft intensiv in das Buch „hineingezogen“ fühlt, d.h. wenn eine starke Identifikation mit den Figuren und der Welt existiert.

Charakteristika von Mitgliedern bestimmter Personengruppen werden sogar besonders von Leser*innen verinnerlicht, wenn diese Mitglieder ihrer Lebenswelt sehr fremd sind. In einer Studie von Michael Slater bekamen amerikanische Studierende Texte zu lesen, die ihnen entweder als Fiktion (Romanausschnitt) oder als Sachtext präsentiert wurden. Ein Teil erhielt zudem Texte über eine vertraute Personengruppe (z.B. Kleinstädter aus Mississippi), ein Teil über eine nicht vertraute (z.B. Partisanen aus Eritrea). Es zeigte sich, dass die Studierenden ihre Einstellung zur dargestellten Personengruppe vor allem dann änderten, wenn sie einen fiktionalen Text lasen und wenn ihnen die Gruppe nicht vertraut war.

Aus diesen Erkenntnissen lassen sich verschiedene Implikationen ableiten. Zum einen sollten sich Autor*innen bewusst sein, dass ihre Texte die Meinung von Leser*innen über dargestellte Personengruppen oder Szenarien beeinflussen können, auch dann, wenn es sich nachweislich um einen fiktionalen Text handelt. Worte sind eine machtvolle Waffe – deswegen sollten wir sie bewusst einsetzen. Zum anderen wird aus diesen Studien auch deutlich, wie wichtig die (positive) Repräsentation von marginalisierten Gruppen innerhalb fiktionaler Literatur ist. Menschen lernen aus Fiktion, sie nehmen Informationen mit ins Hier und Jetzt und leiten sogar Handlungsoptionen oder individuelle Einstellungen daraus ab.

Seid politisch!

All diese Erkenntnisse führen letztlich zu einem unvermeidlichen Fazit: Auch Autor*innen in der Phantastik sind politisch, in die eine oder andere Richtung. Unsere Worte haben Gewicht, unsere Geschichten sind bedeutsam – und das ist großartig. Deswegen sollten wir uns auch trauen, dieses Gewicht und diese Verantwortung anzunehmen.

Seit langem schon bemüht sich die Phantastik aus der Nische der eskapistischen, nicht ernstzunehmenden Unterhaltungsliteratur herauszutreten, wahrgenommen, respektiert und als vollwertige literarische Gattung anerkannt zu werden. Das können wir aber nur erreichen, wenn wir uns aktiv positionieren und uns trauen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Selbst wenn das bedeutet, als der Komfortzone herauszutreten. Die Entwicklungen auf dem Phantastik-Markt in den USA sind auch nicht aus dem Nichts heraus entstanden, im Gegenteil, sie sind ein Ergebnis jahrelanger Kämpfe und Auseinandersetzungen. Konservative alt-right Bewegungen wie „Sad Puppies“ versuchten aktiv, die Hugo Awards zu sabotieren und Bestrebungen für mehr Diversität und Repräsentation aufzuhalten . Es ist dem unermüdlichen Engagement der Autor*innen und ihrer Community zu verdanken, dass diese schädlichen Kampagnen ins Leere liefen.

Mein Aufruf richtet sich dabei auch nicht nur an Autor*innen, im Gegenteil. Ich glaube, dass Veränderungen und positive Anreize nur gemeinsam geschaffen werden können, Hand in Hand mit Leser*innen, Verlagen und Buchhandlungen. Aber wie so oft gilt: Wir müssen irgendwo beginnen. Und als Autorin kann ich am besten bei dem anfangen, was ich gut kann, beim Geschichten erzählen. Trotzdem geht mein Appell natürlich auch an alle anderen Lesebegeisterten und Phantastikbegeisterten da draußen: Seid mutig. Traut euch, neue Wege zu gehen. Reflektiert die Texte, die ihr schreibt und lest. Seid kritisch. Seid neugierig.

Und vielleicht erinnert ihr euch ja an dieses Zitat:

Die größte Macht hat das richtige Wort zur richtigen Zeit.

Mark Twain

Quellenangaben der zitierten Studien:

Green, M.C., Garst, J. & Brock, Timothy C. (2003). The Power of Fiction: Determinants and Boundaries, in: L. J. Shrum (Hrsg.) The psychology of entertainment media. Blurring the lines between entertainment and persuasion (S.161-176), Mahwah: Lawrence Erlbaum Associates Publishers.

Slater, M. D. (1990). Processing Social Information in Messages. Social Group Familiarity, Fiction Versus Nonfiction, and Subsequent Beliefs. Communication Research, 17, 327-343,


[1] PoC = People of Color, d.h. Menschen mit Rassismuserfahrungen aufgrund ihrer Hautfarbe

[2] Own Voice bedeutet, dass von Marginalisierung betroffene Personen Geschichten aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz erzählen, z.B. über Figuren mit ähnlichem Hintergrund oder ähnlicher Marginalisierung

[3] Wieso die Repräsentation von marginalisierten Gruppen und Diversität wichtig und bedeutsam sind, erklären unter anderem Laura, Kira und Ali von Skepsiswerke  oder Rike Random auf ihren Blogs.

[4] Siehe dazu auch: „Das Märchen von der unpolitischen Fiktion“ (Geekgeflüster)

[5] Wobei diese Eigenschaften noch nicht einmal dezidiert im Roman erwähnt werden müssen, um implizit angenommen zu werden. Testet euch mal selbst: Wenn eine Figur im Roman eingeführt wird, ohne groß beschrieben zu werden, dann werdet ihr in 99 % der Fälle davon ausgehen, dass sie diese Eigenschaften aufweist (zumindest dann, wenn ihr selbst weiß, cis-männlich oder cis-weiblich und hetero seid). Genauso haben wir es als Leser*innen nämlich gelernt. Es gibt auch Studien, die eben diesen Effekt belegen: https://www.uni-saarland.de/nc/en/university/news/article/nr/17437.html

[6] Wer z.B. cis und hetero ist und in einem weißen, akademisch geprägten Haushalt aufwächst, wird nur wenige Freunde und Bekanntschaften außerhalb dieser Filterblase knüpfen – außer, man bemüht sich aktiv darum.

[7] Warum dieses Bild mit der historischen Realität wenig zu tun hat, erklärt Aurelia von Geekgeflüster in diesen Blogbeiträgen sehr anschaulich: https://geekgefluester.de/historische-korrektheit-fantasy und https://geekgefluester.de/kingdom-come-deliverance-ist-realsatire


4 Gedanken zu „Fantastisch Politisch

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