Elea vs. die Mauer im Kopf

Eine gleichberechtigte Gesellschaft in der Fantasy – geht das? Ein Erfahrungsbericht zu Repräsentation von Vielfalt und Genderrollen

Kämpfer, Könige, Krieger

Hand aufs Herz: Fantasy-Welten sind nicht unbedingt für ihre Gender-Gerechtigkeit bekannt. Egal ob Mittelerde, Westeros oder die Welt aus Abercrombies „Klingen“-Reihe, die meisten Fantasy-Epen bewegen sich innerhalb patriarchalischer Strukturen, in denen Männer die entscheidenden Machtpositionen besetzen, sei es an der Spitze eines Heeres, eines Königsreichs oder einer Religionsgemeinschaft. Die Repräsentation weiblicher Rollen bewegt sich – geht es nach den systemischen Vorgaben – vor allem im familiären Kontext. Menschen, die sich nicht innerhalb dieses binären Geschlechterspektrums bewegen, sind in der Regel gar nicht repräsentiert.[1]

Zwar zeigt uns die Fantasy immer wieder auf, wie einzelne Personen dieses System durchbrechen (z.B. Eowyn aus „Herr der Ringe“, die den Hexenkönig bezwingt, oder Arya aus „Das Lied von Eis und Feuer“, die eine Ausbildung zur Meuchlerin durchläuft) oder sich trotz rigider Strukturen durchzusetzen vermögen, doch der Status quo beginnt zunächst innerhalb eines eng umschriebenen, patriarchalischen Konzepts.

„historischer Korrektheit“ vs. Repräsentation

Die Ursache dafür liegt erst einmal auf der Hand: Fantasy orientiert sich mehr oder weniger stark an früheren Epochen und adaptiert dabei vor allem Vorstellungen vom europäischen Mittelalter. Diese Vorstellungen beinhalten überwiegend ein weißes, männer-zentriertes, heteronormatives System, in dem Frauen, queere Menschen oder PoC[2] wenig bis gar keine Repräsentation erfahren[3]. Diese Settings werden von Leser*innen auch oft als besonders realitätsnah wahrgenommen, insbesondere dann, wenn ein hohes Maß an Gewaltpotenzial existiert. Tatsächlich ist dieser Rückschluss eher ein Trugschluss.[4]

Ganz abgesehen von den Problemen, die mit der fehlenden Repräsentation dieser Gruppen einhergehen, erscheint es gerade in der Fantasy widersinnig, sich von (vermeintlich) historischen Fakten den eigenen Weltenbau diktieren zu lassen. Natürlich sollte eine Welt in sich stimmig sein, aber Glaubwürdigkeit und Konsistenz funktionieren auch unter anderen Vorzeichen. Wenn wir bereit sind, zu glauben, dass Drachen fliegen und Feuer speien, Tote aus ihren Gräbern auferstehen oder Zauberer im 21. Jahrhundert immer noch keine Computer nutzen, könnten wir doch ebenso gut an eine Fantasy-Welt glauben, in der Menschen aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen gleichberechtigt nebeneinander leben.

Oder?

Zarbahan als Utopia?

Als ich 2014 anfing, „Sand & Wind“ zu schreiben, war genau das meine Vision. Weg von den bekannten Klischees hin zu einer moderneren Fantasy-Version eines Orientmärchens[5].

Zarbahan, die Stadt, in der die Geschichte spielt, sollte eine Gesellschaft widerspiegeln, in der Geschlecht oder sexuelle Orientierung kein Grund für Diskriminierung sind, in der alle Beziehungsformen gleichermaßen existieren dürfen und jeder Person, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung, dieselben Chancen und Möglichkeiten offenstehen.

Eigentlich eine einfache Sache, dachte ich. Ich bin ja eine total aufgeklärte, emanzipierte Feministin und so. Was soll schon schiefgehen? Nun ja. Vergangenheits-Elea musste feststellen, dass die Mauern im Kopf doch höher sind, als man sich das selbst gerne eingesteht.

Gleichberechtigung auf dem Papier und in der Praxis

Bei der Überarbeitung von „Sand & Wind“, eine ganze Weile nach Entstehen des ersten Entwurfs, wurde mir dann erstmals klar, dass meine eigene Vision von einer gleichberechtigten Welt nicht so perfekt funktionierte, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das hatte verschiedene Gründe.

1. Geschlechterrollen

In Zarbahan sollten Geschlechterrollen weitgehend aufgeweicht werden. Trotzdem fiel mir in der Überarbeitung auf: Instinktiv hatte ich alle kämpfenden Rollen (Soldaten, Krieger, Wegelagerer) mit Männern besetzt. Auch die meisten Statisten – Händler, Domestiken, Bürger – waren zu einem überwiegenden Teil männlich. Unbewusst hatte mein Gehirn also die nicht näher definierten „Default“-Rollen mit Männern belegt, insbesondere dann, wenn deren Gruppe per Klischee männlich dominiert ist (wie die kämpfende Zunft). Ohne diesen zweiten Schritt der Reflexion wäre ich also schon da in die erste Falle getappt und hätte mein eigenes System ad absurdum geführt. Zum Glück blieb noch Gelegenheit, das Ungleichgewicht ein bisschen aufzuweichen.

2. Sprache

Gesellschaftliche Strukturen formen Sprache, das ist erstmal keine bahnbrechende Erkenntnis. Doch was, wenn unsere Alltagssprache – inklusive generischem Maskulinum – auf eine Gesellschaft trifft, die sich schon weit früher als unsere in Richtung einer Gleichberechtigung bewegt hat?

Als Fantasy-Autorin fungiere ich ja letztlich auch als „Übersetzerin“ und überführe Anreden, Titel und Redewendungen aus der von mir erfundenen Welt in unsere Sprache. Ist es da nicht unwahrscheinlich, dass Mitglieder einer auf völliger Gleichberechtigung basierenden Gesellschaft im generischen Maskulinum denken und Frauen „mitmeinen“? Insbesondere dann, wenn auch Machtpositionen gleichermaßen von Männern wie von Frauen besetzt werden?

Wie gehe ich also als Autorin mit diesem Umstand um? Nun, ich gestehe, das hat mich vor Herausforderungen gestellt. Die deutsche Sprache ist nicht unbedingt für Gendergerechtigkeit gemacht und wird schnell unpräzise oder kompliziert, wenn in Gruppen alle Geschlechter eingeschlossen werden sollen. Ich fand es aber spannend, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, und zu überlegen, wo ich genderneutrale Formulierungen nutzen kann (z.B. „Kaufleute“ statt „Händler“ oder „Garde/Wache“ statt „Krieger“) oder wann man aus einer generischen Gruppe von Personen auch „-innen“ machen kann (statt den maskulinen Default zu verwenden). Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl ist es gar nicht so schwer, Frauen dadurch sichtbarer zu machen.Sexuelle Orientierung

3. Sexuelle Orientierung

Auch bei sexuellen Orientierungen gibt es in Büchern und Medien einen klaren Default: Solange man nichts Gegenteiliges liest, gilt eine Figur in der Regel als heterosexuell (zumindest für eine heterosexuelle Leserschaft). Dabei ist es wirklich einfach, für eine größere Bandbreite an sexuellen Orientierungen innerhalb der Geschichte zu sorgen. Entgegen der Meinung vieler Kritiker*innen ist es dabei nicht erforderlich, dass die Figuren ständig Sex haben (Überraschung – auch queere Menschen vögeln nicht den ganzen Tag!) oder ihre Sexualität zum Gesprächsthema Nummer 1 machen („oh und damit ihr es wisst, ich bin übrigens …“).

Kleinigkeiten reichen aus. Zwei Männer gehen Hand in Hand eine Straße hinunter. Eine Frau überlegt, was sie ihrer Gattin zum Hochzeitstag schenken soll. Ein Charakter findet den Gastgeber und seine Frau gleichermaßen attraktiv. Es ist erstaunlich, wie schnell man durch winzige Anpassungen eine wesentlich vielfältigere Welt erschaffen kann. In Zarbahan (und auch in Ylas) habe ich mich bemüht, dieser Vielfalt mehr Raum zu geben.

Der Weg geht weiter

Stephen King hat einmal gesagt: „Amateurs sit and wait for inspiration, the rest of us just get up and go to work.” Das ist zwar eine sehr unromantische Sichtweise, aber sie hat ihre Berechtigung: schreiben ist Arbeit. Schreiben heißt lernen, sich weiterentwickeln, verbessern, umdenken, reflektieren. Arbeit im Kopf.

Auch in „Sand & Wind“ (und dem Folgeband) ist noch viel Luft nach oben. Zum Beispiel fehlt bislang die Repräsentation von nicht-binären oder trans Menschen, die es in Zarbahan natürlich ebenfalls gibt, bisher aber keinen Platz in der Geschichte gefunden haben. Da ist noch eine Menge Nachholbedarf. Aber ich freue mich, diesen Weg weiter zu gehen, mehr zu entdecken und mehr zu lernen.

Fazit

Die Arbeit an „Sand & Wind“ hat mich auf jeden Fall eines gelehrt: Egal, wie fortschrittlich, weitsichtig und liberal man sich selbst einschätzt, gesellschaftliche Normen, Stereotype und Strukturen haben wir alle bis zu einem gewissen Grad verinnerlicht (insbesondere wenn man selbst viele Privilegien innerhalb dieser Gesellschaft besitzt).

Es ist einfach, diese Erkenntnisse und Strukturen genauso in fiktiven Welten zu übertragen, wesentlich schwieriger, eingefahrene Muster aufzubrechen. Genau darin liegt aber auch der Reiz. Die Phantastik schenkt uns unglaublich vielfältige Möglichkeiten und mit der nötigen Reflexion können wir sie noch effektiver nutzen. Das ist zwar mit Arbeit verbunden, aber es macht auch Spaß. Versprochen.


[1] Welche Bedeutung Repräsentation in den Medien für den Selbstwert hat, stellt diese Zusammenfassung in „Psychology Today“ sehr anschaulich da. Auch der Blog Skepsiswerke hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt und ausführlich dargelegt, wieso Repräsentation in der Literatur wichtig ist.

[2] People of Color = Menschen mit Rassismuserfahrungen aufgrund ihrer Hautfarbe

[3] Zum Thema „historische Korrektheit in der Fantasy“ sei, wie immer, auf Aurelias hervorragenden Beitrag zum Thema verwiesen .

[4] Es gibt natürlich, wie so oft, Ausnahmen, beispielsweise N.K. Jemisins „Broken Earth“, die Romane von Rafaela Creydt oder Leann Porters Fantasy-Welt „Danu“

[5] Gerade orientalische Settings bieten die Gefahr, in problematischen Orientalismus abzurutschen, d.h. ein Bild eines diffusen „Orients“ zu zeichnen, das überwiegend westliche und kolonialistische Klischees erfüllt. Häufig wird „der Orient“ (ein Sammelbegriff, der kulturgeschichtlich eigentlich keinen Sinn ergibt) gleichsam als exotisch, mystisch und bedrohlich wahrgenommen. Herrscher werden oft als Despoten dargestellt, Frauen hingegen stark sexualisiert (insbesondere in Hinblick auf „Haremsstrukturen“). Siehe dazu z.B. die Abhandlung zum Orientalismus von Felix Wiedemann: http://docupedia.de/zg/Orientalismus


3 Gedanken zu „Elea vs. die Mauer im Kopf

  1. Danke! Interessanter Beitrag. Ich kenn das selbst auch. Ich merk das bei mir selbst auch. Mein letztes Buch hab ich sehr aufwändig umgeschrieben, weil ich eine klischee-Männer-Rolle mit einer Frau besetzen wollte. War sehr froh, dass der Verleger das unterstützt hat; man kann auch Glück haben mit Alten Weißen Männern. Gescheitert bin ich bei meinem Versuch, auch noch poc besser zu repräsentieren. Ich war wild entschlossen, aber irgendwie konnte ichs nicht mit vertretbarem Aufwand unterbringen, ohne dass es sich tokenistisch anfühlte. (Mein eigenes Versagen; ich will damit nicht behaupten, es wäre nicht gegangen.) Peinlich. Aber nächstes Mal krieg ichs hin.
    Weil ich sowas immer interessant finde: Ich bin wegen der Liehr-Diskussion hierhergekommen, haben dieses Blog jetzt abonniert und werde nun losgehen, um eines deiner (?) Bücher zu kaufen. Klingt alles sehr vielversprechend. Danke noch mal, auch für die sehr sehr guten Kommentare drüben!

    1. Hallo Muriel, schön, dass du hierher gefunden hast und auch dir vielen Dank für deinen Einsatz „drüben“. Hat gut getan, nicht alleine zu sein. Und wenn sich auf diese Weise Leute zusammenfinden, um sich zu vernetzen und auszutauschen, dann haben wir ja schon ganz viel erreicht. 🙂 Ich bin mir sicher, du schaffst das mit der Repräsentation! Ich arbeite da auch noch an ganz vielen Baustellen, aber es gibt echt tolle Informationsseiten im Netz. Kennst du schon die Seite zu Sensitivity Reading http://www.sensitivity-reading.de? Falls du mal konstruktives Feedback von Profis brauchst, wirst du da bestimmt fündig. 🙂 Ich freue mich, weiter von dir zu hören oder zu lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere