Sensitivity Reading bei „Mutterschoß“

Zu Sensitivity Reading kursieren immer wieder zahlreiche Gerüchte und Halbwahrheiten. Die Rede ist von Empfindlichkeitslesen, Zensur oder moralischer Prüfstelle. Tatsächlich greifen aber zunehmend mehr Autor*innen und Verlage auf diese Möglichkeit zurück.

In diesem Beitrag möchte ich euch kurz erklären, was Sensitivity Reading eigentlich ist, warum ich es für meinen nächsten Roman „Mutterschoß“ in Anspruch genommen habe und wie mein Projekt davon profitiert hat.

Wenn ihr mehr über den Roman an sich wissen wollt, findet ihr hier Informationen.

Content Notes für den Artikel
Erwähnung von „Bury your Gays“, Fatshaming, Ableismus, Mikroaggressionen

Repräsentation und Figurendarstellung

Doch zunächst, was ist das überhaupt, „Sensitivity Reading“? Auf ihrer Website definieren Elif Kavadar und Victoria Linnea das Angebot wie folgt:

Sensitivity Reader prüfen Romane auf schädliche oder missverständliche Darstellungen und Mikroaggressionen. Sie besprechen mit den Autor*innen die problematischen Aspekte und zeigen Alternativen auf. Dabei geht es ihnen nicht darum, Themen zu verbieten oder gar zu zensieren, sondern um Authentizität und den sensiblen Umgang mit bestimmten Themen.www.sensitivity-reading.de

Wo das Lektorat also Logiklücken oder inhaltliche Schwächen eines Romans aufzeigt, ist es die Aufgabe von Sensitivity Reading, auf die Repräsentation marginalisierter Gruppen und deren Darstellung zu achten.

Sensitivity Reader sind überwiegend selbst Betroffene („Own Voice“) und zugleich Literatur-Expert*innen, z.B. weil sie selbst schreiben, für Verlage arbeiten und/oder literarische Themen studiert haben. Ihre Aufgabe besteht darin, Autor*innen rückzumelden, wie gut ihnen die authentische Darstellung einer Figur gelungen ist. Sie analysieren auch, ob sich in den Text problematische Klischees oder Mikroaggressionen eingeschlichen haben.

Es geht also nicht darum, Themen wie Diskriminierung oder Hass gegen bestimmte Gruppen komplett herauszustreichen, wie manchmal befürchtet wird. Viel mehr sollen Autor*innen für bestimmte Themen oder Darstellungen sensibilisiert werden.

Warum Sensitivity Reading?

Warum brauche ich jetzt als Autor*in Sensitivity Reading oder vielmehr: Inwiefern kann ich davon profitieren? „Brauchen“ ist ja immer ein schwammiger Begriff. Wir „brauchen“ als Autor*innen auch kein Lektorat, wenn wir ein Buch veröffentlichen wollen. Wir „brauchen“ keinen Verlag, kein Marketing, noch nicht einmal Rechtschreibfähigkeiten. All das ist aber trotzdem sehr nützlich, wenn man sich als Autor*in auf dem Buchmarkt behaupten will.

Empathie und Einfühlungsvermögen sind für Autor*innen wichtige Eigenschaften, aber manchmal reichen sie nicht aus. Auch weiße Menschen wissen zum Beispiel, dass es Rassismus gibt, haben aber oft eine andere Vorstellung davon als Betroffene. Wie sich diese Erfahrungen äußern oder was sie mit Betroffenen machen, können sich Außenstehende oft nur begrenzt vorstellen. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Facetten des Lebens, die nicht mit Diskriminierung zu tun haben, sondern mit gewöhnlichen, alltäglichen Erfahrungen.

Nur als Beispiel: Wenn ihr weiß seid, habt ihr eine Vorstellung davon, wie eure Schwarze Figur ihr Haar pflegen muss? Was wisst ihr als Christ*innen (oder Atheist*innen) tatsächlich über den Alltag anderer Glaubensrichtungen? Oder wisst ihr als cis Mann, wie sich Menstruation anfühlt oder wie lange sie dauert? Vieles davon lässt sich auch im Internet recherchieren, aber gerade bei typischen Alltagserfahrungen, die nicht unbedingt im Netz ausgebreitet werden, stößt diese Methode manchmal an ihre Grenzen.

Das „Andere“ darstellen

Sensitivity Reading kann auch helfen, Othering zu vermeiden. Wenn Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft Personen einer anderen Gruppe beschreiben, tendieren sie oft dazu, das Andersartige und Spezielle herauszuheben, statt Gemeinsamkeiten zu betonen. Häufig werden dabei Vorurteile oder Gruppenphänomene verallgemeinert.

Beispiele für Othering könnten sein:

  • Eine Person im Rollstuhl wird vor allem darüber definiert, dass sie nicht laufen kann und wie sehr sie unter diesem Umstand leidet.
  • Bei der Beschreibung einer (cis) Frau wird exzessiv über ihre Brüste oder Genitalien gesprochen.
  • Der Plot queerer Personen dreht sich vor allem um ihre Diskriminierung und Ausgrenzung.

Othering kann sich für Betroffene sehr schmerzhaft anfühlen. Es kann der Eindruck entstehen, sie würden ausschließlich über ihr „Anderssein“ oder ihre Diskriminierungserfahrung definiert, statt als vollwertige, komplexe Personen dargestellt zu werden.

Sensitivity Reader können aufgrund ihrer besonderen Perspektive solche Phänomene erkennen und aufzeigen. Sie helfen Autor*innen, die Sichtweise und Lebenserfahrung Betroffener besser zu verstehen, Fehler zu vermeiden und zu verhindern, dass unbeabsichtigt Vorurteile oder Stereotype transportiert werden.

Dabei machen sie Autor*innen keine Vorschriften oder verbieten bestimmte Themen, wie manchmal behauptet wird. Genau wie im Lektorat liegt die Hoheit über die Textgestaltung weiterhin bei den Autor*innen. Und wie im Lektorat bietet auch Sensitivity Reading nie eine Garantie für ein perfektes oder „politisch korrektes“ Buch.

Entgegen der verbreiteten Ansicht ist Sensitivity Reading übrigens nicht nur für komplexe, schwere Geschichten mit vielen gesellschaftspolitischen Ansätzen interessant, sondern auch für typische „Unterhaltungsliteratur“. Gerade ein gemütlicher Krimi, eine zuckrige Romanze oder ein witziges Jugendbuch sollten für alle Leser*innen eine Komfortzone bieten und keine Gruppe unverhofft vor den Kopf stoßen.

Sensitivity Reading für „Mutterschoß“

Gehen wir also in den praktischen Teil über: Warum habe ich mich für mein kommendes Projekt „Mutterschoß“ für Sensitivity Reading entschieden? Wie lief das ab? Und wie hat mein Manuskript davon profitiert?

Mutterschoß“ ist zunächst ein Fantasy-Roman, der nicht in unserer Welt spielt: Warum also überhaupt Sensitivity Reading? Natürlich kann ich keine Person aus dem fiktiven Ghor-el-Chras zu ihren Lebensumständen befragen, aber die meisten Erfahrungen, die Figuren in literarischen Settings machen, sind universell. Diskriminierung fühlt sich in unserer Welt nicht anders an als in einer Fantasywelt. Und trotz der Distanz wünsche ich mir als Autorin natürlich, dass sich Leser*innen mit den Figuren identifizieren können.

Ajeri, eine Protagonistin des Romans, ist eine lesbische Frau, deren Familie aus ihrer Heimat fliehen musste, als Ajeri noch ein Kleinkind war. Sie wächst in Ghor-el-Chras auf, hält aber an ihren kulturellen Wurzeln fest und wird dadurch von der Gesellschaft ausgegrenzt. Ich hatte beim Schreiben einen sehr guten Draht zu Ajeri und das Gefühl, mich sehr gut in sie und ihre Rolle hinein versetzen zu können. Dennoch spürte ich, wie ich an einigen Stellen an meine Grenzen kam.

Erfahrungen mit Alltagsrassismus

Ajeri ist ein „Kind zweier Welten“. Sie ist in Ghor-el-Chras aufgewachsen, fühlt sich aber ihrer Heimat stark verbunden und verachtet die streng patriarchalen, gewaltvollen Strukturen in Ghor-el-Chras. Zudem ist sie als Frau und aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds gleich in doppelter Hinsicht marginalisiert und immer wieder fremdenfeindlichen Aggressionen ausgesetzt. Gerade diese Erfahrungen wollte ich so stimmig und glaubwürdig wie möglich in die Geschichte integrieren.

Zum Glück fand ich in Nora Bendzko eine wundervolle Kollegin, die mir als Sensitivity Leserin für diese Thematik zur Seite stand. Nora ist mixed, sie hat einen deutschen Vater und eine marokkanische Mutter. Auch mit Ausgrenzung und Diskriminierung hat Nora in ihrem Leben leidvolle Erfahrungen sammeln müssen, unter anderem hat sie darüber in diesem Interview gesprochen. Aufgrund der Ähnlichkeit zu Ajeris Perspektive war ich unheimlich dankbar, dass Nora sich bereit erklärt hat, mich durch Sensitivity Reading zu unterstützen.

Nora kannte bereits „Opfermond“, den Vorgänger zu „Mutterschoß“, und war daher mit dem Setting vertraut. Sie hat das gesamte Manuskript gelesen, ehe es an den Verlag ging, und immer wieder Anmerkungen an den Rand gesetzt. Wichtige Themen haben wir anschließend noch einmal in einem gemeinsamen Telefonat besprochen und diskutiert.

Aufgrund ihres Hintergrunds hat sich Nora insbesondere mit den Abschnitten beschäftigt, in denen es um Ausgrenzungserfahrung, Alltagsrassismus und das Erleben von „Fremdheit“ geht (s. Bild).

Links Text des Romans: Lara sah zu Ajeri auf, einen ungläubigen Ausdruck in den Augen. Dann lachte sie auf. »Bei Chras, ich vergesse immer, dass du Tharizerin bist. Ihr habt so seltsame Ansichten.«
Ajeri verkniff sich den Kommentar, der ihr auf der Zunge gelegen hatte, und schwieg. Sie lebte seit über fünfundzwanzig Jahren in dieser Stadt, doch die Menschen nahmen sie immer noch als Fremdkörper wahr, als jemand, der nicht hierher gehörte. Und manchmal, wie in diesem Moment, fühlte sie sich auch so.  »Tut mir leid«, murmelte sie und zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. Pikiert löste sie ihre Finger, die sich fest um das warme Teeglas geklammert hatten.

Links Noras Kommentar: Das ist schon mal eine gute Einführung. Diese Zuschreibung „Du bist ja …“, obwohl nicht Realität, und das Verkneifen von Kommentaren, das ist sehr realistisch und entspricht auch meiner Erfahrung. Das Gefühl hat für mich mehr etwas von „Dazwischen-Sein“. Es geht gar nicht mal um das Extrem, dass man „nicht hierhergehört“, sondern um das subtile „das man nicht WIRKLICH hierher gehört“. Die Leute nehmen einen schon wahr, man ist befreundet, kennt sich, und dann kommen die Zuschreibungen. Ich selbst würde nicht „Fremdkörper“, sondern „halber Fremdkörper“ schreiben. Wirkt wahrscheinlich wie Erbsenzählerei, macht für mich aber einen wichtigen Unterschied  Denn natürlich kommt man irgendwo an nach 25 Jahren. Entscheidender ist die Zuschreibung, dass man immer eine zweitklassige Position aufgrund der eigenen Herkunft hat,  nur zu 90 Prozent ankommen kann und nicht 100 Prozent wie ein „echter“ Heimischer. Poah, hoffentlich hab ich das einigermaßen nachvollziehbar erklärt, sonst frag nach.
Abbildung 1: Ausschnitt aus „Mutterschoß“ mit Noras Kommentar dazu. Hier zum Themenbereich „Alltagsrassismus und Erfahrungen von Fremdheit“. Zum Vergrößern auf das Bild klicken.

Feminismus und Frauenfeindlichkeit

Aber auch bei der sensiblen Balance zwischen der Frauenfeindlichkeit des Settings und meinem Wunsch, dennoch aktive, selbstbestimmte (und queere) Frauenfiguren darzustellen, hat Nora mir geholfen. Sie hat Fragen aufgeworfen, Zusammenhänge analysiert und auch Szenen herausgestellt, die ihr in diesem Punkt gut gefallen haben (s. Abbildung 2).

Links Text des Romans: Ihr Körper hatte einen schweißnassen Abdruck in den Laken hinterlassen und an ihren Brüsten klebte immer noch Milch. Der Anblick erregte Shiran mehr, als er zugeben wollte.  
Niseth schmiegte die Wange gegen seine und er nahm sie in den Arm. »Das hab ich wirklich gebraucht«, flüsterte sie. »Wäre ich nicht so schrecklich unförmig, wäre ich schon vor Nächten über dich hergefallen.«

Rechts Noras Kommentar: Was für eine schöne Szene! Ich habe einmal eine ähnliche in einem Film gesehen, dessen Titel mir gerade nicht einfällt. Hat mich auch damals sehr fasziniert und berührt. Sexualität und Schwangerschaft werden ja manchmal hart voneinander getrennt, oder aber du hast Männer in Literatur und Film, die ihren schwangeren Frauen fremdgehen. Ich mag solche Szenen und finde sie echt wichtig, die Aspekte von Frauenschaft miteinander vereinen, die Konservative sonst eher trennen wollen.
Abbildung 2: Ausschnitt aus „Mutterschoß“ mit Noras Kommentar dazu. Hier zum Themenbereich „Sexualität, Schwangerschaft und Geschlechterrollen“. Zum Vergrößern auf das Bild klicken.

Lesbische Erotik

Ajeri ist darüber hinaus in einer festen Beziehung mit ihrer Geliebten Shanna. Dabei war mir wichtig, dass die Intimität der beiden nicht zu sehr durch eine heteronormative Brille betrachtet wird und authentisch wirkt.

Hier hat mich meine liebe Kollegin Susanne Pavlovic unterstützt. Susanne ist selbst Fantasyautorin und befasst sich als Lektorin auch mit romantischer Literatur (und ihren Abgründen). Als lesbische Frau ist ihr die Repräsentation lesbischer Figuren sehr wichtig.

Susanne hat für mich die Szenen gelesen, in denen die beiden Frauen sehr intim miteinander agieren (inkl. einer Sexszene). Das Manuskript hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Lektoratsdurchgang gelaufen und ich war gerade in der Überarbeitung. Susanne hat mir zurückgemeldet, wie authentisch sie die Interaktion empfindet und ob ihr Aspekte aufgefallen sind, die problematisch sein könnten (s. Abbildung 3). Zum Beispiel in Hinblick auf eine unangemessene Fetischisierung von lesbischen Beziehungen.

Links Text aus "Mutterschoß": von ihrem Nacken bis hinunter zu ihrer Scham. Im Gegensatz zu Ajeri, die immer schon schmal und sehnig gewesen war, hatte Shanna große Brüste und breite Hüften. Wieso die Männer in Ghor-el-Chras zierliche, blasse Frauen bevorzugten, war Ajeri immer ein Rätsel gewesen. Für sie gab es keine schönere Frau als Shanna.

Rechts Susannes Kommentar: Dass sie drüber nachdenkt, was Männer bevorzugen, in dieser Situation, lässt auf eine patriarchal geprägte Welt schließen, in der lesbische Liebe die Ausnahme ist / hinter verschlossenen Türen stattfindet. Wenn das so ist, alles fein. Wenn nicht, würd ich den Hinweis auf die Männer hier rausmachen.
Abbildung 3: Ausschnitt aus „Mutterschoß“ mit Susannes Kommentar dazu. Hier zum Themenbereich „lesbische Erotik und Intimität“. Zum Vergrößern auf das Bild klicken.

Der Kommentar hier zeigt sehr schön, worauf es beim Sensitivity Reading ankommt: Reflexion. Was lösen bestimmte Äußerungen aus? Ist diese Wirkung intendiert oder könnte man die Formulierung noch verbessern?

Chancen und Grenzen von Sensitivity Reading

Alles in allem hat sich meine erste Erfahrung mit Sensitivity Reading sehr gelohnt. Ich habe viel über meinen eigenen Text gelernt, über verschiedene Punkte nachgedacht und ich bin überzeugt, dass sich das Ergebnis wirklich sehen lassen kann.

Trotzdem ist Sensitivity Reading kein Garant dafür, dass sich keine problematischen Aspekte mehr in einer Geschichte verstecken. Genauso wenig wie ein Korrektorat einen fehlerfreien Text garantiert. Oder ein Lektorat sicherstellt, dass keine Logiklücke zurückbleibt. Dadurch, dass Sensitivity Leser*innen vor allem aus ihrer eigenen Erfahrung profitieren, sind ihre Sichtweisen nicht universell. Andere Betroffene können bestimmte Aspekte ganz anders einschätzen als sie. Der „perfekte Text“ ist in jeder Hinsicht illusorisch.

Sensitivity Reading sollte nach meiner Auffassung auch nicht als „Feigenblatt“ herhalten, um spätere Kritik am Text abzuwehren. Es befreit nicht davor, sich auch als Autor*in (oder Verlag) weiterhin mit Themen wie Repräsentation, Rassismus, Ableismus etc. zu befassen und sich weiterzubilden. Auch hier ist die Parallele zum Lektorat naheliegend: Selbst gute Lektor*innen können einen fehlerhaften Text nicht in ein Meisterwerk verwandeln.

Die Not mit dem lieben Geld

Sensitivity Reading ist viel Arbeit. Nicht nur für die Autor*innen, sondern vor allem für die Sensitivity Reader selbst. Es ist zeitaufwändig und unter Umständen auch emotional und psychisch belastend. Die Sensitivity Reader müssen sich schließlich intensiv mit schwierigen Themen, Mikroaggressionen oder -ismen befassen. Für selbst Betroffene ist diese Aufgabe besonders fordernd.

Darüber hinaus fällt es vielen Autor*innen noch schwer, -ismen in den eigenen Texten zu reflektieren. Kritik anzunehmen und umzusetzen ist immer ein Drahtseilakt, ganz besonders, wenn es um internalisierte Vorurteile geht. Niemand befasst sich gerne mit dem Gedanken, dass man (unbewusst) problematische Bilder in die eigenen Texte projiziert hat.

Wichtig ist hier, die Schuld nicht den Sensitivity Readern zuzuschieben oder vollständig zu blockieren, sondern sich konstruktiv damit auseinander zu setzen. Sensitivity Reader sehen es nicht als ihre Aufgabe, Autor*innen als „schlechte Menschen“ zu deklassieren. Sie sind nicht die „Feinde“ der Autor*innen, im Gegenteil. Sie wollen helfen, vielfältigere und bessere Geschichten zu erzählen. Ob Autor*innen die Vorschläge annehmen und umsetzen, liegt immer noch in ihrer Hand.

Aufgrund des erheblichen Aufwands sollte Sensitivity Reading keine Gratis-Dienstleistung sein, sondern eine, die angemessen bezahlt wird. Meine Kollegin Swantje Niemann hat in ihrem Blogartikel stimmig dargelegt, welche Vorteile es darüber hinaus hat, professionelle Sensitivity Reader zu engagieren anstelle von guten Bekannten.

Gerade im Selfpublishing oder Kleinverlagswesen ist die Frage nach dem Geld aber immer präsent: Kann ich mir als Autor*in Sensitivity Reading leisten, wenn ich zudem noch ein Lektorat und Korrektorat bezahlen möchte? Es gibt verschiedene Wege aus diesem Dilemma.

Kombination

Mittlerweile bieten viele Lektor*innen neben Lektorat auch Sensitivity Reading an. Der Preis wird dann sicher höher liegen als für ein klassisches Lektorat, aber niedriger als für beide Dienstleistungen getrennt. Der Vorteil liegt zudem darin, dass sich Lektor*innen ohnehin vertieft mit dem Text befassen. Gleichzeitig besteht aber der Nachteil, dass sich die Lektor*innen unter Umständen nicht so intensiv mit dem Sensitivity Reading-Aspekt auseinandersetzen können, da es ja noch viele andere Baustellen gibt.

Tauschen

Wenn ihr selbst Autor*innen seid oder Dienstleistungen in diesem Bereich anbietet, könnt ihr vielleicht ein Tauschgeschäft arrangieren. Viele Autor*innen, gerade aus dem Kleinverlags- und SP-Wesen, sind auf gegenseitige Unterstützung und Solidarität angewiesen. Ich hatte das Glück, mich mit Nora auf einen solchen Austausch verständigen zu können.

Ausschnitte

Um Ressourcen zu sparen, gibt es auch noch immer die Möglichkeit, nur einzelne Ausschnitte oder Kapitel mit Sensitivity Readern zu besprechen. Das ergibt natürlich vor allem da Sinn, wo sich die Themen nicht zu breit über den gesamten Roman verteilen. In meinem Fall bot sich dieses Vorgehen für die intimen lesbischen Szenen an.

Verlage sensibilisieren

Wenn ihr die Möglichkeit dazu habt, sprecht mit euren Verlagen über Sensitivity Reading, räumt mit Vorurteilen auf und legt dar, warum euch dieses Thema am Herzen liegt. Vielleicht findet ihr gemeinsam mit dem Verlag eine gute Lösung, die finanziell für alle rentabel ist.

Fazit

Alles in allem hat mich das Sensitivity Reading für „Mutterschoß“ sehr bereichert und mir geholfen, mich noch tiefer und intensiver mit meinem Text, dem Weltenbau und den Figuren zu beschäftigen. Gerade zu Ajeri habe ich durch das Sensitivity Reading einen noch besseren Zugang gefunden und fühlte mich bei ihrer Darstellung sicherer.

Falls ihr jetzt darüber nachdenkt, selbst Sensitivity Reading in Anspruch zu nehmen, findet ihr auf der Website verschiedene Ansprechpartner*innen, nach Themen sortiert. Allen, die gerne intensiv über ihre Texte und deren Wirkung nachdenken und keine Scheu haben, an sich und der eigenen Perspektive zu arbeiten, kann ich das nur ans Herz legen. Es wird eure Geschichten bereichern.

Abschließend noch einmal ein herzliches Dankeschön an Nora und Susanne für die tolle Zusammenarbeit und eure Unterstützung!

Mehr über Nora Bendzko findet ihr auf ihrer Website. Sie schreibt vor allem düstere Märchen in historischem Kontext, teils auch mit queeren Themen. Im Juni 2021 erscheint bei Droemer Knaur ihr epischer Dark-Fantasy-Roman „Die Götter müssen sterben“, in der die Amazonen ihr Schicksal im Krieg um Troja behaupten müssen.

Susanne Pavlovic hat mit Textehexe eine Website für Lektorat und Buchberatung ins Leben gerufen, dort könnt ihr zu ihr selbst und ihren Kolleginnen Kontakt aufnehmen. Als Autorin schreibt Susanne vor allem Fantasy, ihre Feuerjäger-Reihe um die Kriegerin Krona wurde unter anderem mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Mehr über ihre Fantasybücher findet ihr auf der Website des Amrun Verlags.

Weiterführende Links

Website Sensitivity Reading: https://sensitivity-reading.de/

Victoria Linnea über Sensitivity Reading: https://www.epubli.de/blog/gastbeitrag-victoria-linnea

Elif Kavadar über Sensitivity Reading (speziell für Phantastik): https://www.tor-online.de/feature/buch/2019/08/was-ist-sensitivity-reading/

Überblick über Sensitivity Reading von Askın-Hayat Doğan: http://ask-dogan.de/was-ist-sensitivity-reading-ein-blitzueberblick/

Swantje Niemann über ihre Erfahrung mit Sensitivity Reading: https://www.swantjeniemann.de/hinter-den-kulissen-sensitivity-reading

Podcastfolge „Auf ein Buch und einen Tee“ mit Nora Bendzko zum Thema Sensitivity Reading:

Über meine Bücher

Mutterschoß“ erscheint demnächst im Chaospony Verlag. Der Vorgänger, Opfermond, ist beim Mantikore Verlag erschienen und überall im Buchhandel erhältlich.

2 Gedanken zu „Sensitivity Reading bei „Mutterschoß“

  1. Toller Erläuterung, vielen Dank!
    Und ich find das Thema auch sehr wichtig.
    Weil ich gerade die Fortsetzung dazu anfangen wollte, habe ich in den letzten Wochen meine Geschichte Angelic Duties noch mal gelesen, und ich wusste, dass ich 2013 vielen Dinge noch nicht so beachtet habe wie heute, aber ich war trotzdem stellenweise überrascht davon, wie misogyn, transfeindlich und seltener auch rassistisch mir die Geschichte vorkam.
    Da hätte ein Sensitivity Reading sehr geholfen.

    1. Danke für deinen Kommentar, Muriel. Mir geht das ähnlich mit den älteren Sachen, zum Glück hab ich davon nichts veröffentlicht. 😀 Ich finde aber selbst bei Texten, die ~ 5 Jahre alt sind, viele Dinge, die ich heute anders angehen würde. Das ist aber okay, man entwickelt sich eben weiter. Sensitivity Reading hilft da natürlich auch weiter, Neues zu lernen und sich selbst zu hinterfragen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.