„Alles nur geklaut?“

Das Plagiate-Bullshit-Bingo

In schnöder Regelmäßigkeit wird die Buchwelt von dem einen oder Plagiatsskandal erschüttert. Ich gebe zu, jedes Mal sitze ich dann sprachlos vor meinem Bildschirm und frage mich, wie dreist manche Menschen eigentlich sein können.

Plagiate als Volkssport?

2013 wurde die erfolgreiche Romance-Autorin Martina Gercke eines Plagiats beschuldigt. Ihr wurde vorgeworfen, Textpassagen aus anderen Romanen wörtlich übernommen zu haben. Der Streit wurde außergerichtlich beigelegt. Gercke entschuldigte ihr Verhalten damit, sie habe vergessen, Platzhalter in ihren Romanen zu beiseitigen.

Ebenso für Aufsehen sorgte 2016 die Selfpublisherin Katja Piel, die auf Druck von außen zugab, in zweien ihrer Bücher abgeschrieben zu haben. Als Grund für dieses Verhalten gab sie an, die plagiierten Romanausschnitte als Übungen für einen Schreibmaschinenkurs abgetippt und dann, Jahre später, für ihre eigenen Texte gehalten zu haben.

Auch aus den USA schwappen immer wieder Geschichten über Plagiate herüber. Erst unlängst stellte sich heraus, dass in einem frisch erschienenen Gay-Romance-Titel ganze Passagen teils wortwörtlich aus dem Werk einer Kollegin übernommen worden waren. Die abschreibende Person, die u.a. unter dem Pseudonym V Vee Author tätig ist, entschuldigte sich und gab an, im Zeitdruck der Deadline vergessen zu haben, diese Passagen aus dem veröffentlichten Roman zu entfernen.

Viele Argumente, wenig Einsicht

Wann immer das Thema „Plagiate“ in den Medien aufkommt, findet man – neben Zorn und Fassungslosigkeit – auch häufig entschuldigende Worte für die Abschreiber*innen und das Thema ist meist recht schnell wieder vergessen. Martina Gercke, zum Beispiel, veröffentlicht nach wie vor erfolgreich Liebesromane im Selfpublishing und wurde 2017 von Hugendubel auf der Leipziger Buchmesse präsentiert.

Wie ihr euch sicher vorstellen könnte, bin ich als Autorin UND Wissenschaftlerin kein großer Fan von Plagiaten und habe im Folgenden ein paar Argumente zusammengetragen, die im Kontext von Plagiatsaffären gerne auftauchen und – in meinen Augen – wenig Aussagekraft besitzen. Natürlich erkläre ich euch auch, warum.

Das kann doch jedem mal passieren!

Nein. Also wirklich – nein. Wir reden hier nicht von schlampig abgefassten Passagen oder einer fehlenden Fußnote, sondern von kompletten Prosa-Texten. Wenn ich einen Roman schreibe, dann ist das mein Projekt. Von der ersten Idee über die Ausarbeitung der Figuren, des Plots und der Welt versinke ich in meiner Geschichte. Ich weiß noch genau, wie ich meine Ideen zusammengesponnen habe, wo ich sie zum ersten Mal notiert oder welche Inspirationsfunken sie mir zugetragen haben. Nie im Leben käme ich auf die Idee, die Figuren oder Textstellen anderer Autoren als „Platzhalter“ zu verwenden, denn das ist schließlich nicht mein Werk. Deren Worte haben in meinem Roman nichts verloren.

Sicher gibt es die eine oder andere Formulierung, die beim Lesen hängen bleibt, die Eindruck schindet. Vielleicht auch eine Wortwahl, eine bestimmte Satzstruktur, ein Stilmittel, das man für sich übernimmt. Doch ganze Textpassagen einfach abschreiben und in die eigene Geschichte kopieren? Nein, wirklich nicht. So etwas passiert nicht aus Unachtsamkeit oder aus unbewussten Fehlern heraus. So etwas passiert nur aus purer Absicht.

Das ist doch kostenlose Werbung!

Für wen? Für die abschreibende Person? Ganz sicher. Für das Opfer? Wohl kaum. Das geistige Eigentum anderer unreflektiert zu kopieren, ist weder eine Hommage noch eine Wertschätzung. Es ist einfach nur Diebstahl.

Natürlich ist es legitim und sogar schön, Anspielungen, Andeutungen oder dergleichen in den eigenen Geschichten zu verpacken. Darüber freuen sich Fans ebenso wie die Autor*innen. Doch dafür braucht es ein gewisses Fingerspitzengefühl und – im Ernstfall – die Absprache mit Urheber*innen. Selbst Fan-Fictions, in denen bewusst urheberrechtlich geschütztes Material verwendet und individuell aufbereitet wird, sind ein Graubereich. Während viele Autor*innen diese Form der nicht-kommerziellen Literatur als große Wertschätzung ihrer Arbeit empfinden, sprechen sich andere explizit dagegen aus.

Besonders schwierig wird es dann, wenn eine Fan-Fiction zum kommerziellen Roman ausgearbeitet wird. Obwohl die Grundidee aus einem vorhandenen Werk stammt, ist die ausreichend verfremdete Endversion vom Verdacht eines Plagiats ausgenommen.  „50 Shades of Grey“ oder „After Passion“ sind gute Beispiele dafür.

Das tut doch keinem weh!

Doch, das tut es. Zum einen ist es enorm schmerzhaft für die plagiierten Autor*innen. Stellt euch vor, ihr habt euch monate-, jahrelang einem Projekt gewidmet, intensiv daran gearbeitet, euer Herzblut hineingesteckt – würdet ihr wollen, dass jemand anderer einfach Geld damit verdient? Wohl kaum.

Abgesehen davon sind Plagiate oft schwer nachzuweisen, sodass möglicherweise ein jahrelanger Rechtsstreit droht. Plagiatsaffären schaden zudem auch dem Ruf der Autor*innen allgemein, ihrem Genre, ihrem Verlag oder der Selfpublisher-Branche. Das tut weh, gerade den 99 % ehrlichen und hart arbeiteten Autorinnen und Autoren.

Alles ist doch irgendwie geklaut
der Titel dieses Blogbeitrags, zum Beispiel!

Um ein gutes Buch zu schreiben muss man das Rad nicht neu erfinden. Viele Elemente sind schon einmal da gewesen, viele Twists kommen uns bekannt vor. Aber – und das ist wichtig – hier sprechen wir nicht von Plagiaten. Ideen kommen flüchtig, wir wissen als Autor*innen oft gar nicht genau, wie wir zu einer gewissen Eingebung gekommen sind. Vielleicht hat unser Gehirn etwas Eigenes gezimmert, vielleicht hat es sich aber auch unbewusst an einem Buch, Film oder Lied bedient. Daran ist nichts Verwerfliches.

Sicherlich ist es nicht besonders innovativ, einen Roman aus alten Versatzstücken zusammenzustellen, und als Autor*in ärgert man sich, wenn eine innovative Idee in einem anderen Werk „verwurstet“ wird, doch rechtlich gibt es hier wenig Handhabe.

Wie oben bereits angedeutet: Hommagen, Querverweise und Anspielungen können, wenn sie gut gemacht sind, sogar Spaß machen. Ein gutes Beispiel sind die in den letzten Jahren populär gewordenen Märchenadaptionen. Außerdem bleiben viele Leser*innen gerne bei altbewährten Geschichten und es stört sie nicht, wenn sie zum zehnten Mal eine Geschichte über einen sexy Millionär, einen raubeinigen Kriminalkommissar oder eine schöne Prinzessin lesen.

Verwechseln wir also nicht das bewusste Kopieren von ganzen Passagen, ohne Angabe des Urhebers, mit dem Recycling von bereits da gewesenen Ideen. Auch letzteres kann, wenn es plump gemacht ist, einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Rechtlich sind Plagiate in diesem Bereich aber schwer nachzuweisen.

Ähnliches gilt auch für Designs, z.B. Buchcover. Außer in besonderen Fällen (z.B. Milka) lassen sich Farbschemata oder Designelemente nicht patentieren oder urheberrechtlich schützen. Tatsächlich ist das „nachahmen“ anderer Cover oder das imitieren beliebter Farb- oder Dekoelemente ein gängiges Marketinginstrument im Verlagswesen. Plagiate sind das (vermutlich) nicht.

Zeigt zehn verschiedene Cover mit sehr ähnlichen Motiven: Pastellfarben, Wolkenmuster und spielerischen Schriftzügen
Auswahl der Nominierten für das „Schönste Cover“ im Lovelybooks Leserpreis 2019

Nutzt man Stockfotos, kann es sogar passieren, dass man das eigene Cover-Model an anderer Stelle wiederfindet. Mein Protagonist Reykan zum Beispiel, der auf dem Cover von „Unter einem Banner“ abgebildet ist, zierte eine Weile die „Historische Filme“ Kategorie bei Amazon Video.

Das ist doch nur Zufall!

Ja, Zufälle können passieren. Es ist möglich, dass zwei Autor*innen, die sich nie begegnet sind, zeitgleich ein sehr ähnliches Buch herausbringen, obwohl sie sich nie begegnet sind. Vielleicht hatten sie dieselbe Inspirationsquelle, vielleicht folgen sie ähnlichen Strömungen auf dem Buchmarkt, vielleicht ist es aber auch wirklich nur Zufall.

Was hingegen niemals Zufall ist, sind wortwörtlich identische Passagen. Das erscheint erst einmal seltsam, dann Sätze wie „Er ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen“ oder „Sie legte das Buch auf den Nachttisch und schloss die Augen“ sind wenig außergewöhnlich. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, diese Sätze in identischer Weise in zwei Geschichten zu finden, gleich null.

Linguisten gehen in Folge zahlreicher Experimente davon aus, dass eine Übereinstimmung von 40 Zeichen in mindestens zwei Textstellen mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Zufall ist. Das entspricht etwa der Länge der beiden obigen Zitate. Um wirklich von einem Plagiat zu sprechen, müsste man eher zehn Stellen oder mehr identifizieren können. 1

Ist das der Fall, kann man nicht mehr guten Gewissens von Zufall sprechen, sondern muss von einem Plagiat ausgehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass zufällig vier bis fünf Sätze zweier Geschichten Wort für Wort identisch sind, ist vermutlich ähnlich hoch, wie im Lotto zu gewinnen.

Des Pudels Kern

Kommen wir zu einer Zusammenfassung. Ehrlich gesagt frage ich mich bis heute, was Autoren*innen dazu bringt, ganze Passagen aus anderen Werken zu „klauen“.

Ist es der Erfolgsdruck? Der Zeitdruck? Versagensangst? Oder einfach pure Dreistigkeit und mangelndes Unrechtsbewusstsein? Alles möglich, aber keine Entschuldigung. Ja, der Buchmarkt ist schnelllebig geworden, vor allem im Selfpublishing-Bereich. Autor*innen müssen viel produzieren, genau die Interessen ihrer Leser*innen bedienen und dabei noch möglichst hübsche Instagram-Fotos posten. Das ist hart, gar keine Frage. Aber auch Krankenpflege, Gerüstbau oder Gastronomie sind stressige Berufe, und viele andere ebenso. Trotzdem würden wir es aufs Schärfste verurteilen, wenn Pflegepersonal von Patient*innen stiehlt oder Servicekräfte ihre Kund*innen betrügen.

Alle Autor*innen kämpfen täglich mit diesen Hindernissen, vor allem dann, wenn sie versuchen, vom Schreiben zu leben. Die Schriftstellerei ist eine wunderschöne Leidenschaft, aber gleichzeitig ein hartes Business. Zu behaupten, Plagiator*innen wären nur „überfordert“ oder „unter Druck“ und „meinten es ja nicht böse“ ist ein Schlag ins Gesicht aller Kolleg*innen, die sich diesen Herausforderungen jeden Tag aufs Neue stellen und sie meistern.

Der Umgang mit Klautor*innen

Eine Frage, die bleibt, ist, wie man mit Plagiaten umgehen soll. Die Täter*innen künftig boykottieren? Oder ihnen eine zweite Chance geben?

Wenn Mediziner*innen, Anwält*innen oder Buchhalter*innen ihre Kunden betrügen, sind sie, sofern sie erwischt werden, ihren Job oder ihre Zulassung los, denn man traut ihnen künftig nicht mehr zu, ihren Beruf adäquat auszuüben. Ist es da überraschen, dass man bei Plagiatoren*innen dieselben Maßstäbe anlegt? Von Autor*innen erwarten wir eine kreative Eigenleistung, ein schöpferisches Interesse. Wenn das fehlt, was bleibt noch? Sind das wirklich Leute, deren Werke wir lesen wollen, unabhängig davon, ob sie noch einmal plagiieren?

Ganz ehrlich, ich finde, es gibt genug hervorragende Autor*innen auf dem Markt, die hart arbeiten und sich nach Kräften bemühen, ihren Lesern ein tolles, innovatives Leseerlebnis zu bieten. Was spricht dagegen, genau diese Leute zu unterstützen? Warum an Menschen festhalten, die ihre eigene Berufung mit Füßen getreten haben? Es ist sicher nicht nötig, ein Leben lang auf Plagiatoren*innen zu zeigen – aber trotzdem finde ich es wichtig, ein Zeichen zu setzen, um ehrliche Autor*innen nicht vor den Kopf zu stoßen.


Wie steht ihr zu Plagiator*innen? Habt ihr deren Bücher gelesen? Lest ihr sie weiterhin oder fühlt ihr euch dabei unwohl? Wie sollten Verlage oder Leser*innen eurer Einschätzung nach auf Plagiate reagieren?

Aus: Olsson, John (2004). Forensic Linguistics. NY: Continuum, S. 108-112.

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