künstlerische Darstellung von Schizophrenie

We’re all mad here? Darstellung von Schizophrenie in den Medien

Um kaum eine psychische Erkrankung ranken sich so viele literarische Mythen wie um die Schizophrenie. In Thrillern stellt der schizophrene und von Wahnvorstellungen geplagte Täter ein gängiges Bild dar . Doch mit der Realität hat diese Darstellung wenig zu tun.

Was Schizophrenie eigentlich ist, wie sie sich manifestiert und ob schizophrene Menschen eigentlich gefährlich sind (Spoiler: nein), werde ich in diesem Artikel kurz umreißen.

Gespaltener Geist statt gespaltener Persönlichkeit

Ein gängiger Fehler besteht darin, Schizophrenie als „gespaltete Persönlichkeit“ zu definieren, d.h. als eine Störung, bei der Menschen verschiedene Persönlichkeiten in sich vereinen (wie z.B. in dem Film „Split“). Tatsächlich ist das falsch. Die Spaltung der Persönlichkeit in einzelne Personas nennt sich „dissoziative Identitätsstörung“.1

Die Verwirrung resultiert vermutlich daraus, dass der Begriff „Schizophrenie“ übersetzt „gespaltener Geist“ oder „gespaltenes Bewusstsein“ bedeutet. Gemeint war damit aber nicht die Spaltung in verschiedene Persönlichkeiten, sondern die mangelnde Einheit von Fühlen, Denken und Wollen.

Verglichen mit der Identitätsstörung tritt die Schizophrenie wesentlich häufiger auf. Rund 1 % der Bevölkerung erkrankt zumindest einmal im Leben daran, überwiegend im Alter zwischen 18 und 35 Jahren.

Was ist eine Schizophrenie?

Schizophrenie ist eine komplexe Erkrankung aus dem Bereich der psychotischen Erkrankungen. Rund 20 bis 25 % aller Betroffenen leiden nur einmal an einer schizophrenen Episode, nach erfolgreicher Behandlung kann ihre psychische Gesundheit wiederhergestellt werden. Bei 10 bis 30 % der Patient*innen chronifiziert die Störung. Bei allen anderen verläuft sie in Phasen von völliger Symptomfreiheit bis hin zu deutlichen Einschränkungen.

Aus medizinischer Sicht ist Schizophrenie, genau wie Depression, vor allem durch eine Störung der Gehirnchemie gekennzeichnet. Es gibt eine starke erbliche Komponente, das heißt, die Wahrscheinlichkeit, an Schizophrenie zu erkranken, ist bei Personen, deren Eltern oder Großeltern erkrankt waren, deutlich erhöht (etwa um das 10- bis 15-fache). Trotzdem muss eine Anfälligkeit für Schizophrenie nicht bedeuten, dass man unweigerlich erkrankt. Selbst bei eineiigen Zwillingen mit identischem Erbgut liegt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken nur bei 50%, nicht bei 100 %. In der Regel sind es äußere Faktoren wie psychische Belastung, Stress oder Drogenkonsum, die bei bestehendem Grundrisiko eine Erkrankung auslösen.

Wie die meisten psychischen Krankheiten gehört Schizophrenie damit zu den Phänomenen, bei denen ein biopsychosoziales Entstehungsmodell angenommen wird. Schizophrenie entsteht also durch ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren.

Im biopsychosozialen Modell (z.B. der Schizophrenie) vereinen sich biologische Faktoren (Krankheit, Genetik, Neurologie), psychologische Faktoren (Verhalten, Erwarten, Bewältigungsstrategien) und soziale Faktoren (Lebensverhältnisse, Soziale Netzwerke) bei der Entstehung einer Erkrankung
Schema eines biopsychosozialen Modells für psychische Erkrankungen

Behandlung von Schizophrenie

Zugleich bedeutet das, dass Schizophrenie nicht ausschließlich mit Psychotherapie behandelt werden kann. Eine Psychotherapie kann Betroffenen helfen, Bewältigungsstrategien zu entwickeln, ihre Symptomatik besser zu verstehen und ihren Alltag trotz schwieriger Phasen zu meistern. Die Grunderkrankung selbst lässt sich aber langfristig nur medikamentös behandeln. Allerdings sprechen nicht alle Patient*innen auf diese Antipsychotika an und Nebenwirkungen können die Behandlung ebenfalls verkomplizieren.

Ergänzung vom 4. Februar 2020: Mittlerweile gibt es auch vielversprechende Hinweise darauf, dass auch eine Psychotherapie (z.B. metakognitive Therapie) für sich genommen wirksam sein kann. Eine Kombination aus beidem – Psychotherapie und Medikamente – wird aber immer noch als primäre Empfehlung ausgesprochen.

Häufig tritt die Schizophrenie nicht isoliert, sondern zeitgleich mit anderen Störungsbildern auf, z.B. mit einer Abhängigkeitserkrankung oder einer Depression. Gemäß dem Weltgesundheitsbericht zählt Schizophrenie zu den 10 Erkrankungen mit der stärksten lebenslangen Beeinträchtigung und geht mit einem hohen Suizidrisiko einher. Trotzdem gilt Schizophrenie als gut behandelbar, vor allem, wenn sie früh erkannt wird.

Auch das steht im Kontrast zur Darstellung vieler Filme oder Romane, in denen schizophrene Personen häufig lebenslang in psychiatrische Einrichtungen „weggesperrt“ werden.2. Das mag vor hundert oder hundertfünfzig Jahren gängige Praxis gewesen sein, heute gibt es Alternativen. Wie bereits erwähnt: Maximal ein Drittel aller Erkrankten leidet chronisch an den Beschwerden einer Schizophrenie. Und selbst in schwerwiegenden Fällen ist betreutes Wohnen oder das Leben in einer Pflegeeinrichtung sehr viel wahrscheinlicher als ein viele Jahre andauernder Psychiatrieaufenthalt. Den finanziert nämlich auch die Krankenkasse nicht.

Ergänzung (4. Februar): Mittlerweile gewinnt auch die Behandlung schizophrener Menschen in sog. Soterien an Bedeutung. Soterien (Einz. Soteria) verstehen sich als wohngemeinschaftsähnliche Einrichtungen, in denen schizophrene Menschen durch ihre Psychosen begleitet werden. Medikamentöse Behandlung wird nur sehr zurückhaltend eingesetzt, im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Patient*in und Therapeut*in.

Psychotische Symptome

Aus Film und Literatur kennen wir vor allem die so genannten Positivsymptome3 der Schizophrenie: Wahnvorstellungen, Halluzinationen („Stimmen hören“)4 oder Paranoia.

Wahnvorstellungen beginnen häufig mit einem Phänomen, das als „Wahnstimmung“ bezeichnet wird. Die Betroffenen haben das diffuse Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt oder dass etwas Schlimmes passieren könnte. Daraus können sich Fehlinterpretationen entwickeln. Zum Beispiel wird der unverfängliche Blick einer fremden Person als Hass oder Abneigung gedeutet oder das elektrische Störgeräusch eines Geräts als Röntgenstrahlen. Diese Fehlinterpretationen führen mitunter dazu, dass Betroffene nicht klar unterscheiden können, was real ist und was nicht. Der Versuch, sie von der Irrationalität ihrer Wahnvorstellungen zu überzeugen, ist im fortgeschrittenen Stadium zum Scheitern verurteilt.

Diese Form des Realitätsverlusts wird auch als akute Psychose bezeichnet. Eine Psychose tritt nicht nur bei Schizophrenie auf, sondern kann auch Symptom einer anderen Erkrankung sein, z.B. von Depression oder bipolaren Störungen. Sie kann auch durch Drogenkonsum ausgelöst werden. Betroffene befinden sich nicht unentwegt im Zustand einer solchen Psychose. Es handelt sich vielmehr um Phasen mit unterschiedlicher Länge und Intensität.

Vom CIA verfolgt

Am häufigsten äußern sich Wahnvorstellungen in Form von Paranoia. Betroffene haben den Eindruck, von anderen Menschen oder Organisationen beobachtet, beleidigt und/oder bedroht zu werden, obwohl das von Außenstehenden so nicht wahrnehmbar ist. Daraus können sich auch weitere Wahnideen entwickeln, z.B. die Überzeugung, von anderen abgehört oder gar vergiftet zu werden. Die Intensität der Wahnsymptome ist dabei nicht immer gleichbleibend, sondern kann variieren. Ebenfalls häufig ist ein Beziehungswahn, bei dem Betroffene Ereignisse in ihrer Umgebung, die gar nichts mit ihnen zu tun haben, auf sich beziehen. Zum Beispiel lesen sie versteckte Botschaften in Zeitungen oder deuten bestimmte Gesten als Signal.

Neben Wahnvorstellungen leiden Betroffene auch oft an Störungen im Bereich des formalen Denkens. Sie haben Schwierigkeit, kohärente Gedankengänge zu formen, ihre Gedanken scheinen oft abrupt abzureißen oder sind assoziativ so gelockert, dass ihnen Außenstehende nur schwer folgen können. Dies äußert sich auch im Sprachfluss, der auf Zuhörende bizarr oder unverständlich wirken kann.

Negativ-Symptome

Das ist aber nur eine Seite der Medaille, denn Schizophrenie zeichnet sich auch durch Negativsymptome aus. Aufmerksamkeit und Konzentration sind verlangsamt und der Antrieb gehemmt. Betroffenen fällt es schwer, ihren Alltag zu strukturieren, zur Arbeit zu gehen oder Freizeitaktivitäten umzusetzen. Auch die Freude an solchen Aktivitäten ist reduziert, was dazu führen kann, dass sich die Personen von ihrem sozialen Umfeld zurückziehen. Dies geschieht oft schon in einer frühen Phase der Erkrankung.

Betroffene erleben Emotionen häufig als weniger intensiv, was sich auch in depressiven Phasen äußern kann. Bei schweren Verläufen ist der Antrieb so stark gehemmt, dass Betroffene das Haus nicht mehr verlassen können oder sogar stundenlang in derselben Körperposition verharren („katatoner Stupor“). Diese Symptomatik tritt vor allem bei männlichen Betroffenen auf.

Der irre Killer? Schizophrenie in der Literatur

In Literatur und TV erleben wir bei schizophrenen Menschen vor allem die Positivsymptome der Erkrankung: Verfolgungswahn, Paranoia oder innere Stimmen, die dem Betroffenen Dinge zuflüstern. Negativsymptome werden kaum oder gar nicht geschildert, obwohl sie ebenso ein konsequenter Teil des Störungsbildes sind. Ich möchte nicht zu detailliert auf die neurobiologischen Grundlagen eingehen, aber in Kürze: Positiv- und Negativsymptome sind Seiten derselben Medaille. Sie können in unterschiedlicher Ausprägung vorkommen, es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass bei einem Vollbild der Schizophrenie nur eines von beidem erkennbar wird.

Häufig scheint es, als biete die Schizophrenie ein willkommenes Störungsbild, um den diffuses „Wahnsinn“, wie man ihn sich in Irrenanstalten des 19. Jahrhunderts vorstellt, in eine Form zu gießen. Nach Ansicht mancher Thriller-Autor*innen scheint Schizophrenie ein willkommenes Motiv für Täter darzustellen, denn wenn jemand verrückt ist, sind seine Gedankengänge ja wirr und nicht nachvollziehbar – oder?

Leben mit der Krankheit

Ganz abgesehen davon, dass diese Denkweise unsensibel und stigmatisierend gegenüber psychisch kranken Menschen ist, ist sie auch falsch. Menschen, die an einer schizophrenen Psychose leiden, sind nicht unberechenbar oder „verrückt“. Ihr Denken, Fühlen und Handeln ist lediglich so voneinander gelöst, dass es nach außen hin keine sichtbare Kohärenz zeigt. Trotzdem überschreibt die Krankheit nicht einfach von einem Tag auf den anderen die vollständige Persönlichkeit einer Person, sie überdeckt diese lediglich in manchen Bereichen.

Die starken Veränderungen im Denken und Fühlen führen zudem dazu, dass schizophrene Menschen ihre Erkrankung nach außen hin nur schwer verbergen können. Deswegen nennt man es ja auch „Krankheit“ – weil es den Alltag und die sozialen Beziehungen der Betroffenen massiv beeinträchtigt. Schizophrene Täter*innen, die sich also perfekt in den Alltag einfügen, nicht auffallen, aber heimlich „verrückt“ sind, sind daher ausgesprochen unrealistisch. Um nicht zu sagen unmöglich.

Krankheit, Behinderung, Neurodivergenz

Der Umgang mit einer schizophrenen Erkrankung ist so vielfältig wie die Betroffenen selbst. Manche Betroffene bezeichnen sich selbst als neurodivergent oder neurodivers, ähnlich wie bei AD(H)S oder Autismus. Andere Menschen mit Schizophrenie erlangen keine Einsicht in ihre Krankheit und lehnen Behandlungsangebote ab. Und es gibt Betroffene, die irgendwann verstehen, dass sie eine Erkrankung haben, und die sich selbst als „seelisch behindert“ oder „chronisch krank“ bezeichnen.  Leider findet diese Vielfalt und vor allem eine hoffnungsvolle oder positive Perspektive auf Schizophrenie selten Eingang in Mediendarstellung.

Anna und die Stimmen im Kopf - Leben mit Schizophrenie | Selbstbestimmt | MDR

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CN für Video: Suizid, SSV, intrusive Gedanken, Mobbing

A beautiful mind

Eine recht gute Darstellung einer schizophrenen Person bietet der Film „A beautiful mind“, der das Leben des schizophrenen Mathematikers John Nash porträtiert. Er zeigt die komplexe Entwicklung der Krankheit, die oft schon im späten Jugend- oder frühen Erwachsenenalter beginnt, und lässt den Zuschauer unmittelbar daran teilhaben. Außerdem wird nicht nur die Positivsymptomatik dargestellt, d.h. wahnhafte Vorstellungen oder Halluzinationen, sondern auch Negativsymptome, z.B. eine Verflachung der Gefühlswelt oder eine Verarmung der Sprache.

Foto des Mathematikers und Nobelpreisträgers John Nash, der an Schizophrenie erkrankte
John F. Nash hatte Schizophrenie
Foto: CC BY-SA 3.0, Elke Wetzig

Es gibt auch einige eher unstimmige Details, z.B. die Tatsache, dass Nash mit imaginären Personen spricht und interagiert. Das ist eher untypisch und entspricht auch nicht den historischen Tatsachen aus Nashs Biographie. Gegen Ende zeigt der Film dann wiederum recht gut auf, wie Menschen mit Schizophrenie langfristig lernen können, mit ihren Einschränkungen zu leben und zu arbeiten und sogar einen Nobelpreis zu gewinnen. Leider ist der Film damit eher die Ausnahme als die Regel.

Stigmatisierung von Schizophrenie

Wie problematisch die unsensible und teils auch inhaltliche falsche Darstellung schizophrener Menschen in den Medien ist, belegen nackte Zahlen. In einer Befragung von über 7.000 Menschen in deutschen Großstädten gaben 22% derer, die in den Medien schon einmal von Schizophrenie gehört hatten, an, diese mit Verbrechen, Gewalttätigkeit oder Gefährlichkeit in Verbindung zu bringen. Rund 20% glauben, dass Menschen mit Schizophrenie gefährlich für die Öffentlichkeit seien, und 30% wären beunruhigt, wenn in ihrer Nachbarschaft eine Gruppe von an Schizophrenie Erkrankten einziehen würde.

Vorurteile wie die Gleichsetzung von Schizophrenie mit Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit halten sich zudem hartnäckig, werden durch undifferenzierte Medienberichte immer wieder geschürt und tragen zu einer negativen Haltung bei.

Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Robert-Koch-Institut, 2010, Heft 50

Schizophrenie und Gewalt

Die Realität sieht gänzlich anders aus. Schwere Gewalttaten werden nur in ausgesprochen seltenen Fällen aufgrund einer schizophrenen Erkrankung begangen. Nur 0.3 % aller schizophrenen Personen begingen, Studien zu folge, ein Tötungsdelikt3. In einem Review mit 20 verschiedenen Studien von 1970 bis 2009 konnten die Autor*innen zeigen, dass das Risiko für Gewalttaten bei schizophrenen Personen zwar erhöht war (im Schnitt um das 4 bis 5-fache), doch dass dieser Zusammenhang überwiegend durch Drogenmissbrauch und Abhängigkeitserkrankungen zustande kam. Drogenabhängige Menschen haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine schizophrene Erkrankung zu entwickeln (und vice versa), und weisen zudem auch ein erhöhtes Risiko für Gewalttaten auf (z.B. in Form von Beschaffungskriminalität). Wurden nur schizophrene Erkrankungen ohne Drogenproblematik betrachtet, fiel der Zusammenhang mit Gewalttaten weit geringer aus.

Sicherlich gibt es schwere Gewalttaten, die von schizophrenen Personen verübt werden, sie sind aber ausgesprochen selten. Gerade solche Taten werden in den Medien oft prominent und bisweilen auch reißerisch dargestellt, was den Eindruck von Häufigkeit verstärkt.4 Schizophrene Menschen, die keine Drogenproblematik aufweisen, werden nicht häufiger zu Mörder*innen oder Gewalttätern als jede andere Person auch. Persönliche Moralvorstellungen und Einstellungen zu Gewalt werden durch die Krankheit nicht automatisch überschrieben, sondern bleiben auch danach bestehen, selbst in Situationen, in denen Wahnvorstellungen oder Halluzinationen eine große Bedrohung für die Betroffenen erzeugen. Hinzukommt, dass eine Negativsymptomatik schon das normale Alltagsleben massiv erschwert, perfide kriminelle Taten erscheinen in diesem Licht sehr unwahrscheinlich.

Über Schizophrenie schreiben

In Filmen und Thrillern ist der Anteil schizophrener oder psychotischer Täter ausgesprochen hoch, wobei selten Wert auf eine stimmige Darstellung der Krankheit gelegt wird. Häufig wird der Eindruck erweckt, Schizophrenie diene als eine nützliche „Ausrede“, ein bestimmtes Motiv zu fingieren oder sich einfach nicht näher mit den Motiven eines Täters oder einer Täterin auseinandersetzen zu müssen. Denn wer „verrückt“ ist, dem ist ja alles zuzutrauen.

Liebe Autor*innen da draußen, bitte, macht das nicht. Ihr würdet ja auch nicht in eure Bücher schreiben, dass ein Patient mit Masern grüne Punkte im Gesicht hat oder Paris die Hauptstadt von Lappland ist. Korrekte Recherche ist wichtig, gerade, wenn es um psychische Krankheiten geht, über die in der Gesellschaft immer noch viele Mythen und Gerüchte kursieren.

Menschen mit Schizophrenie sind ihr Leben lang Stigmatisierung ausgesetzt und müssen sich ständig mit stereotypen Einstellungen oder Befürchtungen zu ihrem Krankheitsbild und ihrer Person auseinandersetzen. Das Bild vom „unberechenbaren Verrückten“ mit schizophrener Psychose, das viele Bücher und Filme bedienen, trägt unmittelbar zu dieser Diskriminierung bei und ist obendrein auch schlichtweg schlecht recherchiert.

Fazit

Deswegen, wenn ihr eine schizophrene Person in eurem Roman darstellen wollt: Überlegt euch, warum euch das Thema am Herzen liegt, warum ihr darüber schreiben wollt und ob ihr euch dazu in der Lage fühlt. Recherchiert das Krankheitsbild, sprecht mit Betroffenen (wenn ihr könnt). Befasst euch mit dem Leben schizophrener Menschen. Und: überlegt euch, ob es wirklich notwendig ist, die psychische Krankheit einer Person als „spannenden Plotaufhänger“ zu verwenden, ohne die Person als Ganzes in den Fokus zu nehmen. Für Betroffene ist diese Art der Darstellung nämlich sehr verletzend und diskriminierend.


Herzlichen Dank an meine Test- bzw. Sensitivity-Reader Babsi „Blue Siren“ und Amalia Zeichnerin.


1 Es wird agenommen, dass bis zu 1 % der Bevölkerung an einer dissoziativen Identitätsstörung leiden. Die Häufigkeit, in der dieses Phänomen in Filmen, Büchern und Medien beschrieben wird, ist also alles andere als repräsentativ.

2 Je nach Ursprungsland kann es hier natürlich Unterschiede geben, z.B. funktioniert die amerikanische Psychiatrie anders als die deutsche. Hier ist im Zweifel etwas Recherche gefragt.

3 Positiv steht hier für ein „zu viel“ an Input. Das Gehirn empfängt und verarbeitet zu viele Impulse und produziert mehr Botenstoffe als nötig. Umgekehrt steht negativ für eine Reduktion von Aktivität und eine Funktionsminderung.

4Visuelle Halluzinationen, d.h. das Sehen von nicht vorhandenen Dingen oder Personen, sind bei Schizophrenie ausgesprochen selten und auch grundsätzlich eher ein Ausdruck von Drogenkonsum oder einer hirnorganischen Störung, d.h. z.B. einem Tumor.

5 Verglichen mit 0.02 % in der Normalbevölkerung ist dieser Anteil zwar immer noch deutlich erhöht, absolut betrachtet sind schizophrene Mörder aber trotzdem eine ausgesprochene Seltenheit. Bei drogenabhängigen Personen lag der Anteil z.B. ebenfalls bei 0.3 %.

6 Exkurs zum Thema Strafe: Eine schizophrene Erkrankung zum Zeitpunkt der Tat stellt häufig einen Grund für eine Schuldminderung oder eine Schuldunfähigkeit dar, d.h. die Person wird nicht gerichtlich verurteilt, sondern es wird z.B. eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet.


Weiterführende Links zum Thema

Weiterführende Literatur von Betroffenen

  • „Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung“ von Dorothea S. Buck-Zerchin (ISBN: 978-3926200655 )
  • „Stimmenreich – Mitteilungen über den Wahnsinn“, Hrsg.: T. Bock, J.E. Deranders, I. Esterer (ISBN: 978-3867390132 )

4 Gedanken zu „We’re all mad here? Darstellung von Schizophrenie in den Medien

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